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Der alte Herr und die Liebe

Ich sitze im Burggarten auf einer Bank. Eigentlich ist es noch immer viel zu kalt, um gemütlich für die Uni zu lesen. Doch die Sonne lukt immer wieder zwischen den Wolken hervor und man weiß nie, wann ein guter Moment ist, um wieder aufzustehen. Ich habe nach langer Zeit mal wieder die Cello-Playlist an und lese Kimberly Crenshaw. Der Wind bläst mal wieder unbeirrt. Der alten Mann neben mir steht auf, bleibt bei mir stehen. Es ist viel zu kalt, sagt er. Was lesen sie da? Einen Text für die Uni. Worum geht es, was studieren sie? Gender Studies, der Text handelt von Intersektionalität. Ah, Männlein und Weiblein. Ja, quasi. Er gehört zu der Gruppe alter Menschen, die keinen Punkt kennen. Er weiß das und entschuldigt sich, er könne immer so schwer aufhören. Ist völlig in Ordnung, sage ich. Er erzählt mir eine halbe Stunde lang von der Medizin, er sei Mediziner gewesen, nur 96% aller Menschen lassen sich in weiblich und männlich sortieren, sagt er mir. Er erzählt, und das ist vielleicht das Schönste aus der Unterhaltung, am Ende des Lebens, das könne er mir mit 78 sagen, erinnert man sich am meisten an die Liebe zurück. Vermögen und Erfolg sind einem egal. Vielen seiner Geschichten kann ich nicht ganz folgen, er setzt seine kleine Aktentasche und Supermarkttüte mehrmals neben mit auf der Bank ab und hebt sie zum Gehen wieder hoch, um dann doch noch zu bleiben. Ich kümmere mich jetzt wegen Corona, was halten sie davon? Ich lasse mich am Samstag impfen! Wirklich? Er zieht ein Arztschreiben aus seiner Tasche, er habe mittlerweile 26 OPs hinter sich, sei unsicher, ob er sich impfen lassen sollte. Ich hatte im Gefühl, dass sie mich bereichern würden, vergessen sie mich nicht, sagt er schließlich zum Abschied. Sie haben mich auch bereichert, werde ich nicht.