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Februartagebuch #18

Über meinen Tag zu schreiben, erscheint mir zunächst etwas unergiebig. Neun Stunden Zugfahrt ergeben keinen hohen Unterhaltungsfaktor. Das einzig Unterhaltende, und gleichzeitig etwas Nervige, war meine kurzweilige Tischnachbarin, die wohl einen hohen Mitteilungsbedarf besaß, aber auf unangenehme Art und Weise. Sie ist Publizistik-Studentin in Wien, was wiederum sehr interessant klang. Besonders gefreut hat mich, dass auch sie in ihrem Studium Genderthemen anschneiden. Ich erlebe immer öfter, das Studierende aus diversen Fachrichtungen davon berichten. Auch Medizinstudent:innen oder Menschen aus den Medien- und Theaterwissenschaften. Es macht mich glücklich zu sehen, dass diese Themen, zumindest in ihren Ansätzen, Raum in verschiedenen Bereichen finden. Hat ja auch lange genug gedauert, dass Gender Medicine oder eben gendergerechte Sprache an Relevanz gewannen.

 

Mein Studium sensibilisiert mich immer mehr dafür, wie Geschlecht ausnahmslos in allen Bereichen unseres Lebens wirkt. In keiner Situation können wir uns den eingeschriebenen Geschlechterrollen entziehen und das ist einerseits faszinierend festzustellen und zugleich erschreckend. Gender Studies ist ein sehr persönliches Studium. Mir ist in den letzten Monaten noch keine Person begegnet, die es nicht aufgrund persönlich prägender Erlebnisse studiert. Genau das ist auch oft die Kritik an diesem Studiengang. Es führt viele immer wieder zu der Frage, wie viel Wert eine Wissenschaft besitzt, die selten objektiv praktiziert wird und werden kann. Gleichzeitig wird damit auch die Frage aufgeworfen, wie objektiv Wissenschaft überhaupt sein kann. Eine Frage, die mich das erste Semester meines Masterstudiums nicht mehr losließ, wurde sie doch in meinem Bachelor nie so konkret gestellt.

 

 

Die wissenschaftliche Objektivität fußt auf einer langen Geschichte weißer, männlicher Wissenschaft. Andere Geschlechter hatten in der Wissenschaft also bis vor wenigen Jahrzehnten keine Daseinsberechtigung, so wie Menschen mit nicht-heteronormativen sexuellen Orientierungen und Menschen anderer Hautfarbe und/oder Herkunft. Diese sogenannte Objektivität hat ihren Ursprung also in einer ausschließlich männlichen und weißen Perspektive. Ist es also nicht berechtigt, sich der Frage zu stellen, welchem Zweck Objektivität dient und ob Objektivität nicht neu definiert werden müsste oder gänzlich verworfen? Oder sollten lesbische Wissenschaftler:innen nicht mehr zu Homosexualität forschen dürfen? BDSM-Praktizierende zu Privilegien in der BDSM-Szene? Frauen* zur Gender-Pay-Gap? Macht persönliches Interesse Wissenschaft schlecht? 

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