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Februartagebuch #5

In der westlichen Gesellschaft besteht grundsätzlich der soziale Druck, eine Beziehung anzustreben, die romantisch, sexuell, monogam und im besten Fall auch lebenslang ist. Das beschreibt Elizabeth Brake unter dem Begriff Amatonormativität, von dem ich großer Fan bin.

 

Ich kenne diesen Druck, ich sehe diesen Druck überall. Lange (noch immer, wenn ich länger darüber nachdenke) fühlte ich mich dem ausgesetzt. Ich bin oft hin und her gerissen, ob ich über diese Thematik schreiben will, doch schlussendlich nimmt es viel Raum in meinem Leben ein. Es aus meinen Erzählungen auszuklammern bedeutet also, einen Großteil meines inneren Monologs auszuklammern. Das will ich eigentlich nicht. Denn immer, wenn ich von anderen darüber lese oder höre, freue ich mich über den offenen Austausch zu nicht-normativen Lebensformen.

 

Ich habe mir ein Umfeld geschaffen, in dem meine Ansichten über Liebe und Beziehungen Platz finden, in dem ich nicht das Gefühl habe, mich rechtfertigen zu müssen, sondern mehr oder minder urteilsfrei darüber sprechen kann. Es sind vor allem die Momente außerhalb dieser Bubble, in denen ich manchmal noch ins Wanken gerate. Ich habe selten das Bedürfnis über mein Liebesleben zu sprechen (möglicherweise resultiert auch das aus dem Unbehagen vor möglichen Reaktionen). Selbst mit Freund:innen spreche ich oft erst viele Monate später darüber, weil mir viele andere Aspekte zunächst wichtiger erscheinen. Mich Menschen mitzuteilen, die ich kaum kenne, ist also immer besonders seltsam für mich. Doch manchmal kommt das Thema Liebesleben eben auf, weil sich für viele fast alles genau darum dreht und offensichtlich ein großer Redebedarf besteht. Tindern ist unter anderem ein viel geliebtes Thema, dass häufig bereits ab dem zweiten Gespräch vertieft wird. Oft stehe ich daneben und sehe mich plötzlich gezwungen von mir zu erzählen und wie lange ich bereits alleinstehend bin, in der Hoffnung keine mitleidigen Blicke zu kassieren. Alleinstehend zu sein ist für viele ein Zustand, den man offensichtlich meiden will. Deshalb versuche ich oft, mit meinen Erzählungen möglichst lange hinterm Berg zu halten, weil sie in keinen akzeptierten Rahmen passen. Dass man alleinstehend glücklich sein kann, ist für viele unvorstellbar.

 

 

Ich weiß nicht was ich mir mehr wünsche. Dass das eigene (Nicht-)Liebesleben keine Rolle mehr spielt, außer man möchte sich selbst jemandem mitteilen, oder dass nicht-normative Lebensformen endlich anerkannt werden und eben nicht mehr als nicht-normativ deklariert werden. Wahrscheinlich beides zugleich. Ich habe mir über die Jahre einen Raum geschaffen, in dem Amatonormativität keinen Platz hat. In dem der Mensch vorrangig und sein Beziehungsstatus zunächst irrelevant ist. Ich gebe anderen Formen von Liebe mehr Raum, wenn romantische Liebe gerade ausbleibt und habe gelernt, dass sie nicht weniger erfüllend sind. 

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