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Schlackern im Wind

© Anna Stojan
© Anna Stojan

Auf der Klobrille ist ein roter Fleck. Passiert. Ich nehme zwei Stücke Klopapier, falte sie mehrmals in der Mitte zusammen und streiche damit ein paar Mal über den roten Tropfen. Nachdem der Streifen weg ist, werfe ich das blutige Stück Klopapier in die Toilettenschüssel. Während die Spülung läuft, stehe ich vor dem Waschbecken, gucke mich im Spiegel an und wasche mir die Hände. Die Seife hinterlässt immer so ein komisches Gefühl auf der Haut und trotzdem kaufe ich sie immer wieder. Im Spiegel schaut mir ein schmales Gesicht entgegen. Ich beuge mich vor und komme jetzt so nah, dass die Oberfläche unter meiner Nase von meinem Atem beschlägt. Die langen Wimpern schlagen über den blau-grünen Augen. Müde Augen. Traurige Augen. Es ist anstrengend, ihnen Stand zu halten. Ich stelle mich wieder aufrecht, schließe meine Augen und verdränge den Anblick. Als ich sie wieder aufmache, laufe ich zum Kühlschrank in die Küche. Der ist zu meiner großen Enttäuschung sehr leer. Das weiß ich eigentlich schon seit gestern, hatte aber irgendwie gehofft, dass ich das Einkaufen noch etwas hinauszögern könnte. Ich gehe während dieser Zeit so ungerne raus. Ich dachte, heute wäre es vielleicht schon vorbei, jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als trotzdem vor die Tür zu gehen. In dieser Zeit gehe ich nur zu den wichtigsten Unikursen, sonst bleibe ich die Zeit vor allem zu Hause. Normalerweise klappt das auch mit dem Einkaufen vorher besser, aber jetzt ist der Kühlschrank leer.

  Ich schnappe meinen Rucksack, ziehe mir meine Schuhe an und laufe schnell am Spiegel im Flur vorbei. Heute ertrage ich diesen Anblick einfach nicht. Ich schließe die Tür ab und setze meine Kopfhörer auf.

  Ich hole mein Fahrrad aus dem Keller und fahre Richtung Stadt. Die Sonne scheint warm auf mein Gesicht, der Wind bläst mir durch die Kleidung. Für diesen kurzen Moment vergesse ich den ganzen Trubel und fühle mich ein wenig leichter. So fühle ich mich selten noch, leicht. So richtig unbeschwert war ich das letzte Mal wohl mit fünf oder sechs. Ab da wurde alles irgendwie nur komplizierter. Aber zurück zur Leichtigkeit. Ich fahre am Waldrand vorbei, die Erde ist noch nass vom Regen heute Morgen. Es riecht ganz modrig und aus irgendeinem Grund löst es trotzdem positive Gefühle in mir aus. Der Tag ist nicht mehr so heiß wie die letzten Wochen, mit dem Regen kamen die milderen Temperaturen. Mein T-Shirt schlackert im Wind und ich glaube, das macht mich von allen Dingen gerade am glücklichsten. Vor dem Supermarkt schließe ich mein Fahrrad ab und husche schnell in den Laden. Zehn Minuten und einen Rucksack voll später bin ich wieder draußen. War ok heute. Gerade als ich das denke, treffen meine Augen auf die einer Frau, die ebenfalls aus dem Supermarkt kommt. Sie guckt merklich irritiert, in mir macht sich wieder dieses unerträgliche Gefühl breit.

  Ich hasse es, wenn sie so gucken. Das kann mir noch so oft passieren, egal wird mir das leider nie. Ich habe heute nicht die Kraft da drüber zu stehen und gucke schnell wieder weg. Manchmal lächle ich die Leute trotz allem aufmerksam und freundlich an. Ich stelle mir dann immer vor, wie sehr sie das zusätzlich irritiert. Manche lassen mich richtig spüren, wie falsch ich in ihren Augen bin, andere gucken schnell wieder weg, als hätten sie etwas Verbotenes gesehen.

  In den großen Städten passiert mir das seltener, deswegen will ich auch spätestens nach dem Studium irgendwohin, wo viele Menschen sind. Die Stadt hier ist zu klein für Menschen wie mich und ich habe keine Lust und nicht die Kraft mich immer wieder dem Ganzen auszusetzen. In spätestens einem Jahr ist sowieso das Schlimmste vorbei, so ist zumindest der Plan. Aber dann kennen mich hier schon zu viele, das wird nichts ändern. Deswegen die Großstadt.

 

 

Ich stehe vor dem Kino. Hier arbeite ich. Es ist ein kleines Programmkino, wo meistens nur Dokus oder Kunstfilme laufen. Manchmal schaffen es auch die Blockbuster hier rein, aber ich finde gerade die Kunstfilme am besten. Und weil ich hier arbeite, kann ich mir so viele Filme ansehen, wie ich will.

  Drinnen steht bereits Lana an der Kasse und verkauft Tickets für die 16.45 Uhr Vorstellung. Hier ist es nie besonders voll, außer manchmal bei der 20.15 Uhr Vorstellung. Sonst sitzen wir viel rum oder wischen mal hier und dort. Ist nicht die spannendste Arbeit, aber das Geld ist trotz allem gut und Lana und ich haben uns mittlerweile prima eingespielt. Sie sieht mich aus dem Augenwinkel an, grinst kurz in sich hinein. Zu Anfang war mir ihre überschwängliche Art etwas verhasst, aber ich habe es lieben gelernt. Wenn ich mal keine Lust zum Reden habe, kann sie problemlos für zwei reden und es nervt mich nicht mal mehr. Ich mag es, wie sie aus allem ein Riesending machen kann. Bei ihr sind die banalsten Dinge eine Mitteilung wert. Ich glaube, es gibt nichts, was sie nicht mit mir teilt und deswegen kenne ich sie mittlerweile schon verdammt gut.

  Ich stelle mich neben sie und sehe zu, wie sie auf dem Sitzplan die von den Leuten gewünschten Plätze antippt und die Tickets ausdruckt.

  „Hey“, sie wendet ihren Blick nicht vom Display, lächelt aber wie ein Honigkuchenpferd.

  „Hallo“, Lana nimmt die Tickets aus dem Drucker und gibt sie dem Pärchen vor uns.

  „In fünfzehn Minuten können Sie rein“, schließlich wendet Lana sich von ihnen ab und dreht sich mir zu.

  „Heeeey!“, sie umarmt mich euphorisch und ein bisschen zu fest. Wir haben uns jetzt fünf Tage nicht gesehen, da staut sich immer viel an.

  Lana hat mich nie wirklich schräg angeguckt. Auch Nils, unser Chef, hat keine großen Anstalten gemacht, als ich mich auf den Job beworben habe. Er war sehr entspannt, selbst als wir uns das allererste Mal zum Bewerbungsgespräch getroffen haben. Lana habe ich allerdings schon angesehen, dass sie sich das erste Mal ihre Gedanken zu mir gemacht hat, aber Thema ist es nur, wenn ich darüber reden will. Und zu meinem Erstaunen wollte ich das ziemlich schnell, nachdem wir uns kennengelernt hatten. Ich schätze, das liegt auch daran, dass sie selbst jeden noch so blöden Gedanken mit mir teilt.

  Heute erzählt mir Lana von ihrem Exfreund, der plötzlich vor der Tür stand. Der wohnt eigentlich 250 km weit weg. Ich weiß, das hört sich an wie im Film, aber so läuft Lanas Leben. Sie zieht ein abgedrehtes Ereignis nach dem anderen an und spätestens jede zweite Schicht kommt ein neuer Knüller. Jedenfalls stand dann der Exfreund vor drei Tagen vor der Tür. Sie hatten vor etwa fünf Wochen Schluss gemacht, mehr oder weniger einvernehmlich. Sie hatten in den letzten drei Jahren immer mal wieder gewechselt zwischen offener und exklusiver Beziehung, da bin ich allein das Jahr, dass ich Lana jetzt kenne, nicht mehr durchgestiegen. Er ist 32, sie jetzt 23 und vor fünf Wochen hatte er ihr verkündet, dass er keine Lust mehr auf dieses hin und her hat und sie vor die Wahl gestellt. Er wolle endgültig eine ernste Beziehung eingehen. Dafür müssten sie nur endlich einen Plan finden, wie sie in Zukunft zusammenleben können. Vier Stunden haben sie gestritten, sich versöhnt und wieder gestritten und kamen auf keinen grünen Zweig. Sie konnte ihr Studium hier nicht einfach verlassen und war sich auch gar nicht sicher, ob sie seine ihr vorgesetzten Bedingungen eingehen wollte. Sie mochte, wie entspannt ihre offene Beziehung war. Zwar war sie die letzten fünf Wochen ein Sonnenschein wie eh und je, aber immer mal wieder, wenn sie es nicht mehr verbergen konnte, kauten wir ihre immer gleichen Gedanken einmal durch. Ließen den ganzen Streit nochmal Revue passieren, holten die immergleichen Sätze hervor, die sie im Nachhinein gerne noch losgeworden wäre, und endeten damit, dass die Beziehung ja doch nicht so übel war und sie einfach nicht weiß, was sie jetzt eigentlich gerne will. Und jetzt stand er nach fünf Wochen Funkstille plötzlich vor der Tür und ist auch seitdem nicht mehr gegangen. Eine Lösung haben sie immer noch nicht, haben auch beide kein Wort über ihr eigentliches Problem verloren. In zwei Tagen muss er wegen seiner Arbeit zurück.

  „Ehrlich, keine Ahnung, was ich jetzt machen soll“, Lana knabbert angestrengt an ihrem Fingernagel.

  „Verstehe ich. Aber reden wäre mal ein Anfang, schätze ich“, gerade sind alle Menschen in der Vorstellung und ich mache Lana und mir eine kleine Tüte Popcorn voll.

  „Die letzten fünf Wochen habe ich versucht, irgendwie damit abzuschließen und plötzlich steht er da. Gerade bin ich wirklich froh, ihn bei mir zu haben, ja klar, aber wie das in ein paar Wochen wieder aussieht, keine Ahnung“, Lana sackt in sich zusammen.

  Ich hingegen merke gerade ein ganz anderes Problem.

  „Komme sofort wieder“, ich tätschle ihr kurz liebevoll am Arm und verschwinde Richtung Toilette. Wir haben hier keinen Platz für eine Personaltoilette, weshalb ich in die Kundentoilette verschwinde. Beim Hinsetzen krame ich in meiner Hosentasche. Während meiner Periode trage ich meistens meine weiten Hosen. Da sieht man die Binden nicht. Tampons habe ich schon lange aufgegeben. Mir da unten was reinzustopfen ist mir einfach zuwider. Das habe ich einmal probiert, nie wieder. Öffentliche Toiletten sind der Horror für mich. Ich bete zu wem auch immer da oben, dass gerade keiner hier ist und reiße den Klebestreifen von der Binde ab. Ich weiß nie, ob ich das besser ganz langsam oder möglichst schnell machen soll. Heute entscheide ich mich für den langsamen, schmerzvollen Prozess und reiße sachte den Streifen Stück für Stück ab, während ich weiter pinkle. Das erhöht die Geräuschkulisse und hoffentlich merkt niemand was. Ich wickle die gebrauchte Binde in Klopapier und dann in die Folie der neuen Binde ein, in der Hoffnung, dass die dicke Ummantelung keinen Geruch durchlässt. So aufgerollt, stecke ich sie in meine große Hosentasche. Sehen kann man sie jedenfalls nicht. Und so gehe ich zurück zu Lana.

  „Ich liebe ihn, weißt du? So ist es nicht. Aber wenn er hierher zieht ist das schon ein krasses Commitment. Ich habe Angst, dass das am Ende umsonst war“, zu meinem Bedauern hat sie die Tüte Popcorn schon fast leer gefuttert.

  „Wenn ihr es aber nicht wagt, ist es vermutlich vorbei, nicht?“

  „Ich fürchte, ja.“

  „Dann musst du überlegen, ob du das eingehen willst. Mutig sein oder immer die Frage Was wäre, wenn…?“, damit beenden wir die Krisensitzung und Lana schnappt sich den Putzlappen und wischt die Theke. Sie wirkt plötzlich sehr abwesend. Auch mich beschäftigt Lanas Dilemma noch weiter. Sowas habe ich persönlich noch nie erlebt. Auch der krampfhafte Versuch, ein gemeinsames Leben aufzubauen, aber vor allem überhaupt sowas wie Liebe. Ich denke, ich bin so sehr mit meinem eigenen Kram beschäftigt, dass ich noch niemanden gefunden habe, der sich bei meiner Situation auf mich einlassen könnte. Und ehrlich, ich verstehe das. Würde mir auch schwerfallen. Ich würde ohnehin niemanden richtig ranlassen, denke ich. Nein, das würde ich ziemlich sicher nicht.

 

Die Leute kommen aus dem Kinosaal und ich fange an, die letzten Popcorntüten und Becher einzusammeln und staubsauge die Gänge. Ich zögere kurz, schaue nochmal zur Tür und hole dann die Binde aus meiner Hosentasche. Ich bilde mir ein, dass man sie mittlerweile riechen kann, deswegen werfe ich sie in eine der Popcorntüten, knüddle sie zusammen und werfe sie mit dem Rest in die Mülltüte. Problem gelöst. Wieso blute ich überhaupt noch? Ich hasse es. Ich hasse das Blut, ich hasse diesen Körper, ich hasse all diese Menschen, die ständig blöd gucken. Es wäre mir egal, wenn ich wüsste, dass es keinen Grund gäbe. Wenn alles nur wäre wie es sein soll, aber das ist es nicht.

  Lana und ich verbringen den Rest unserer Schicht mit zwei weiteren Vorstellungen, Putzen und dem üblichen Tratsch. Um halb elf darf ich gehen, Lana macht mit Nils zu. Draußen steige ich wieder aufs Fahrrad und setze mir die Kopfhörer auf. Im Schaufenster der vorbeiziehenden Läden sehe ich mein Spiegelbild. Ich mag es, wie sportlich ich auf dem Rad aussehe. Ich habe eins dieser Retro-Rennräder, da muss man sich weit nach vorne lehnen, um das Lenkrad fassen zu können. Das ist heute das erste Mal, dass mich mein Spiegelbild zufrieden macht.

 

 

Auf dem Weg von der Uni komme ich am Drogeriemarkt vorbei. Die Auswahl an Periodenprodukten wird immer unübersichtlicher. Ich würde gerne die Bio-Binden nehmen, aber die sind nicht lang genug, um mich sicher zu fühlen. Ich nehme stattdessen immer die extra langen für die Nacht. Ich kann mich nicht auch noch jedes Mal fragen, ob ich Flecken auf der Hose habe. Es ist so schon scheiße genug. Ein Typ läuft hinter mir vorbei, kann nicht sehen, ob er zu mir guckt. So oder so furchtbar unangenehm. Ich werfe die Packung schnell in den Korb und marschiere zur Kasse.

Zu Hause sehe ich, dass Mum mich angerufen hat, ich klingle sie an.

  „Hallo mein Schatz“, meine Mutter hat eine Sanftheit in ihrer Stimme, die Menschen sofort beruhigt.

  „Hey Mum.“

  „Wie geht es dir heute?“

  „Passt schon. Die letzten Tage waren etwas anstrengend, aber heute war ich wieder in der Uni und bin auch wieder auf dem Dampfer soweit“, ich habe gewiss nicht immer so offen mit meiner Mutter gesprochen. Tatsächlich habe ich sehr lange fast gar nicht mit meinen Eltern gesprochen. Zumindest nichts, was über oberflächlichen Small Talk hinaus ging. Während der Pubertät war es besonders schwierig für mich. Man mag seine Eltern in der Zeit sowieso schon weniger, aber dann kamen bei mir noch die ganzen Geheimnisse hinzu, die, wie sich rausstellte, eigentlich nie so richtig geheim waren. Seitdem ich mich vor vier Jahren dazu entschlossen hatte, meinen Eltern endlich zu sagen, was mich all die Jahre quälte und was ich mir eigentlich schon die ganze Zeit wünsche, konnten wir viel Ungeklärtes aufarbeiten. Meine Eltern wussten, dass ich zu kämpfen hatte, ihnen war aber nie das Ausmaß bewusst.

  Ich habe wahnsinnig Glück mit meinen Eltern, meine Mutter ist zu meinem Anker geworden. Auch mein Vater unterstützt mich, überlässt den ganzen Organisationskram aber meiner Mutter und kämpft eindeutig noch mehr mit den Umständen als sie.

  „Hat dich Dr. Welsch schon angerufen?“, fragte sie.

  „Nein, ich ruf da morgen früh mal an und frag nach.“

  „Gut, mach das. Wird schon alles in Ordnung sein. Mach dir keine Sorgen“, Mum lächelt warm durchs Telefon.

Dr. Welsch haben wir vor drei Jahren durch verschiedene Onlineforen gefunden. Er war einer von drei Endokrinologen, die wir uns rausgesucht hatten. Wir haben uns von allen drei beraten lassen und schließlich habe ich mich für Dr. Welsch entschieden. Er war von allen am sympathischsten und konnte mir auch sehr gut erklären, was alles auf mich zukommen könnte, wenn ich es wirklich durchziehen wolle. Ein Endokrinologe ist übrigens ein Hormonspezialist. Meine einzige Chance auf ein normales Leben als Mann. Doch bevor überhaupt daran gedacht werden kann, müssen meine Blutwerte jetzt stimmen. Deswegen fiebern wir gerade auf den Rückruf hin. Seitdem mir mein Psychologe das Go gegeben hat, ist meine Geduld rapide gesunken. Es ist zum Greifen nah und trotzdem ist das alles noch unglaublich surreal. Wenn die Blutwerte ok sind, ist das Ziel tatsächlich nur noch wenige Jahre entfernt. Die Mastektomie vor zwei Jahren war das Befreiendste, was ich bisher erleben durfte. Heute fahre ich mir über den Oberkörper und denke, das ist mein Körper. Ich weiß, die nächsten Jahre werden hart. Zuerst die hormonelle Umstellung und dann irgendwann die vielen Operationen, aber davon träume ich schon so lange.

 

  Mum und ich verabschieden uns. Ich räume meine Tasche aus und lege die Binden ins Bad. Auch das hat bald ein Ende. Kein Versteckspiel mehr. Das Blut gehört nicht zu mir. 

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