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Das Kind in mir

Ich habe die akademische Welt satt. Es ist eine fortwährende Hassliebe. Ich hasse sie vor allem, wenn ich nichts mehr verstehe. Wenn mir all diese Wörter entgegenfliegen, die ich schon tausend Mal gehört habe, aber immer noch nicht verstehe. Ich habe eine Liste an Vokabeln angefangen auf denen Wörter wie pathologisch oder okzidental stehen. Ich schäme mich, weil ich denke, ich müsste all diese Wörter schon kennen. Frage mich, wie ich meinen Bachelor so erfolgreich ohne dieses akademische Vokabular abgeschlossen habe. Ich schäme mich, weil ich Wörter wie chauvinistisch kenne, aber nicht weiß, was das heißt. Ich habe die akademische Welt satt, die mir immer wieder das Gefühl gibt, nie genug zu wissen. In Seminaren sollen Texte diskutiert werden, aber keiner traut sich doofe Fragen zu stellen, obwohl diese Texte fucking schwer sind. Die Hälfte der Texte hinterlässt bei mir nur ein großes Fragezeichen. Leute benutzen also all diese unverständlichen Wörter, um diese unverständlichen Texte zu diskutieren und ich traue mich nicht zu fragen: 'tschuldige, worum geht es in diesem Text überhaupt? Analerotik? Freud, dieser Spinner.

 

Klar, könnte man sich alles einfacher machen. Wenn ich nicht ich wäre. Meine ganze Kindheit und Jugend war ich immer etwas hinterher. Schon immer hatte ich dieses Problem mit Wörtern. Damals ging es nicht um pathologisch oder okzidental, aber so oft ich meine Schwester noch mit 16 Jahren fragen musste, was zum Beispiel konstruktiv bedeutet. Und niemand anderen traute ich mich das zu fragen, zu peinlich. Diese Scham hat sich eingefressen, manifestiert in ein konstantes Hinterherrennen. Niemals fühle ich mich angekommen, ständig gibt es was Neues, was ich noch verstehen muss. Und manchmal schaffe ich es, habe Eingebungen, sehe Zusammenhänge. Doch genauso oft steht da ein Fragezeichen, das sich viel größer anfühlt als die Erfolgsmomente. Die akademische Welt ist toxisch, wenn man nicht lernt sich abzugrenzen und sich selbst genug zu sein. Leider ist abgrenzen bekanntlich nicht meine größte Stärke. Ich will auch so schlaue Dinge sagen. Ich habe das Gefühl, ein Leben reicht nicht, um all das Wissen aufzusaugen. Gleichsam ärgere ich mich, warum man all diese Dinge so kompliziert ausdrücken muss. Warum Wissenschaft schon durch seine Sprache so unfassbar exkludieren muss, könnte man alles doch so viel einfacher formulieren.

 

Aber ich will die Liebe in Hassliebe nicht versäumen. Gott, wie weit ich schon gekommen bin. Mein 16-jähriges Selbst hätte sich niemals erträumt, irgendwann im Master der Gender Studies zu sitzen, endlich das Gefühl zu haben, etwas Sinnvolles zu tun und etwas, das mich erfüllt. So abstrakt vieles ist, weiß ich, dass ich es besser machen kann. All mein Wissen kann ich mitnehmen und für eine gerechtere Welt kämpfen. Ich muss nicht akademisch daherreden, um das tun zu können – ganz im Gegenteil. Ich liebe, zu was mich das Studium befähigt, ungeachtet meiner hohen Ansprüche an mich selbst. Ich liebe die zumindest kurzen Erfolgserlebnisse, zurückschauen zu können auf einen einst unvorstellbaren Erfolgsweg. Ich brauche vielleicht länger, ich muss mir vielleicht Vokabellisten schreiben, schreibe mir Wörter auf, die ich gerne mal benutzen möchte, zum Beispiel gesellschaftsfähig. Und ich merke das Kind in mir, das sich nie genug gefühlt hat, das ich stolz machen will. 

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