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To shave or not to shave, that is the question

Ich bin behaart. Überall. Ich habe kleine Härchen auf den Armen, sogar im Gesicht. Das hat (fast) jeder Mensch. Und dennoch gilt die Frau als das unbehaarte Geschlecht. Das ist so verankert in unserer Gesellschaft, dass Haare an den falschen Körperteilen absolut verschämt sind. Denn eigentlich haben Frauen nur Haare auf dem Kopf. Dazu kommen nur noch Augenbrauen und Wimpern, der Rest ist haarlos. Zumindest in unserem Köpfen. Vereinzelt wächst man vielleicht noch mit dem Verständnis auf, dass Schamhaare (in Zukunft nur noch Vulvahaare von mir genannt, weil was hat die Scham da zu suchen?) in kontrollierter Form ok sind. Beine und Achseln müssen glatt wie in der Venus-Werbung sein.

 

Wenn ich im Internet nach "Behaarung bei Frauen" suche, wird mir "Was tun bei starker Körperbehaarung bei Frauen?" vorgeschlagen. Eindeutig ein Fehlzustand, diese Behaarung bei Frauen. Eindeutig ein unerwünschter Zustand in der Gesellschaft. Dabei rasieren sich Frauen erst sein Anfang de 20. Jahrhunderts. Gesamtgeschichtlich betrachtet ist das noch gar nicht so lange her.

 

Lange konnte ich mich mit dem Gedanken an Körperbehaarung auch nicht anfreunden. Während der letzten Jahre war ich durch mein universitäres Umfeld aber immer wieder damit konfrontiert. Es war nie ein Ekel, mehr das Gefühl des Unbekannten und Unvertrauten. Eine Sache, die man wie einen Unfall erst mal unverhohlen anstarrt. Aus reiner Neugier. Mit der Zeit fand ich diese Frauen* vor allem mutig. Dass sie sich gegen die heteronormativen Schönheitsvorstellungen auflehnen. Das war ein Kampf, den ich noch nicht kämpfen wollte, aber doch sehr bewunderte. Es kam die Phase in der ich mir aktiv einredete, dass ich mich bewusst für das Rasieren entschied, weil ich es einfach schöner fand, ohne dem ganzen einen Versuch gegeben zu haben. Die Phase, in der man sich vormacht, es verstanden zu haben, aber eigentlich hat man sich doch einfach nur noch nicht getraut es auszuprobieren.

 

Und dann kam vor wenigen Monaten eine kleine Operation. Ich ließ mich unterm Arm aufschneiden und konnte mich bedingt der Naht nicht rasieren. Für mich war das der notwendige Punkt, um es dann doch zu wagen. In meinem Muster verharrend rasierte ich wenige Tage danach dennoch die unversehrte Achsel. Im Nachhinein betrachtet völlig bescheuert. Also gab ich auch das schlussendlich auf. Schnell stellte ich fest, dass es vor allem die Stoppel waren, die in mir Unwohlsein auslösten. Nicht, weil es piekste, sondern weil es mir so ungewollt erschien. Wie ein Unfall, wie: Sie hat vergessen, sich zu rasieren. Sobald die Haare länger waren, war es als deutliche Entscheidung zu erkennen, kein Versehen. Achselhaare als politisches Statement. Schon tragisch, dass es als solches überhaupt betrachtet werden kann und muss. Dass Haare in dieser Welt nicht einfach Haare sein können ist ein absurder Zustand, in dem wir uns befinden.

 

Versteht mich nicht falsch. Es geht nicht darum, dass jetzt alle Frauen* ihrem Rasierer entsagen sollen. Ich will daraus keinen BH-Verbrennungs-Feminismus machen. Es geht um Selbstbestimmung. Darum, die auferlegten und erlernten Schönheitsideale zu hinterfragen. Und was Behaarung angeht, gilt das für alle Geschlechter. Haare sollten nicht über Femininität und Maskulinität entscheiden. Die Existenz oder Nicht-Existenz sollte dich nicht definieren als Frau* oder Mann* (wenn wir in der historisch bedingten Binarität sprechen wollen). Let it be or shave it off, aber setze dich damit auseinander und entscheide bewusst. 

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