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Goerge Floyds Mord und das Nachbeben

 

Eine verrückte Woche, die wir da hinter uns gelassen haben. Plötzlich sorgte der Mord an Goerge Floyd für besonders große Proteste. So viele Schwarze Menschen vor ihm sind schon an Polizeigewalt gestorben, doch es hat noch Goerge Floyds Tod gebraucht, um auch hierzulande zumindest die Social Media Welt in Aufruhr zu bringen. Wie viele andere habe auch ich die Woche all den Stimmen von Schwarzen Menschen Platz gemacht. Es erschien auch völlig irrelevant, was ich zu sagen habe. Es scheint mir ehrlich gesagt auch immer noch ein bisschen irrelevant. But here’s the thing: ich dachte zunächst, ich müsse Schwarzen Menschen eine Bühne geben. Einfach teilen, was sie zu sagen haben, ihre Sichtbarkeit unterstützen. Aber sie haben sich die Bühne schon längst genommen. Wir hören nur einfach nicht zu. Auch ich habe den Fehler gemacht, dem Wahn der schwarzen Kachel zu verfallen. Im Nachhinein bin ich peinlich berührt, wie schnell sich ein „Alle machen das, ich muss das auch machen!“ Gefühl gebildet hat. Was für ein lächerlicher Gruppenzwang entstand, von dem ich mich ohnehin eigentlich immer freigesprochen hatte. Ich bin nicht gegen digitalen Aktivismus – offenkundig nicht. Ich bin auch nicht gegen solidarische Aktionen. Aber eine schwarze Kachel reicht nicht, um sich solidarisch zu zeigen, es blockiert vielmehr den wichtigen Informationsfluss, bringt den Algorithmus völlig durcheinander.

 

Dann habe ich darüber nachgedacht, wie es mir mit dem Kampf um Geschlechtergerechtigkeit geht. Ziel sollte eigentlich sein, dass ich irgendwann etwas so Großes, was ich als tiefe Identität empfinde, irgendwann aufgeben kann. Dass ich irgendwann nicht mehr gebraucht werde, weil der Kampf gewonnen ist. Weil Gleichberechtigung herrscht. Und genauso wollen auch Schwarze Menschen irgendwann endlich ein Leben führen, in dem sie den Kampf gegen Rassismus nicht mehr zu ihrem Hauptberuf machen müssen. Weil ich Opfer des patriarchalen Systems bin und zugleich das System reproduziere, weiß ich, dass es meine Aufgabe ist, meine rassistische Einstellung zu reflektieren und als Weißer Mensch an mir zu arbeiten. Dass es nicht alleinig die Aufgabe Schwarzer Menschen sein kann, immer und immer wieder über ihre Rassismuserfahrungen zu reden. Uns allen sollte mittlerweile klar sein, dass das Rassismusproblem besteht und wir sollten nicht mehr auf Schwarze Menschen setzen, die uns immer und immer wieder ihre Traumaerlebnisse darlegen. Es wird Zeit, dass wir endlich die Verantwortung übernehmen, die wir so lange ignoriert haben.

 

Ich habe die Woche viel Zeit damit verbracht, noch tiefer in meine weißen Privilegien zu schauen, meine Einstellungen durch meine rassistische Sozialisation zu reflektieren. Es ist beschämend, was für Vorurteile auch in mir schlummern. So beschämend, dass ich es nicht wage, sie öffentlich zu teilen. Und ich weiß, damit ist es nicht getan. Ich weiß, jetzt geht es erst richtig los. Es ist überwältigend, man weiß, wie bei vielen sozialen und strukturellen Problemen, manchmal nicht, wo man anfangen soll. Es ist fast lähmend. Aber das darf es jetzt nicht sein! Wir dürfen nicht, gerade jetzt nicht, in eine Schockstarre geraten, überfordert von all der Informationsflut und dem schlechten Gewissen. Wir, wir Weißen Menschen, sollten diese starke Woche als Startschuss nutzen, den Kampf gegen Rassismus zu priorisieren. Die Verantwortung nicht mehr Schwarzen Menschen zu überlassen, tagein tagaus für sich selbst kämpfen zu müssen.

 

#blacklivesmatter

 

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