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Der Büstenhalter

 'B'H. Seit ich denken kann, betont mein Vater das Kürzel so. Macht ja auch viel mehr Sinn. Schließlich heißt es ja auch 'B'üstenhalter und nicht Büsten'h'alter. 'B'H. B'H'. Der Winter ist fast geschafft. Die Zeit des Jahres, in der keiner wirklich weiß, was sich unter den vielen Schichten deines Outfits versteckt. Ich, ich war dieses Mal fast täglich BH-los unterwegs. Und was soll ich sagen, ein befreiendes Gefühl.

 

Mein ganzes bisheriges Leben lang standen BHs nicht zur Diskussion. Natürlich trägst du einen. Am besten einen Push-Up. Das fängt mit 13 Jahren an, der BH muss besonders hübsch sein und ein bisschen Push-Up haben. Aber nicht zu viel. Das wäre schlampig. Diese Mädchen, die Doppel-Push-Ups tragen sind billig. Aber der normale Push-Up ist ein Muss. Ein bisschen mehr vortäuschen als da ist, das ist gut. Die Brüste sollen in Form sein, aber bloß nicht ihre wirkliche Form zeigen, das wäre peinlich. Wenn ohne Push-Up, dann zumindest wattiert. Ich schaue mir alte Bilder aus Schulzeiten an, auf denen meine Brüste doppelt so groß scheinen wie heute. Mein erster unwattierter BH war wohl der rote Bandeau-BH, der mit ungefähr 17 Jahren super in war. Der hat noch alles schön zusammengehalten. Noch immer liegt er, mittlerweile etwas ungeliebt, in meiner Schublade. Mit 21 Jahren wanderte dann zum ersten Mal der unwattierte bügellose BH in den Kleiderschrank. Unangenehm, wie plötzlich alles so runterhängt. Es steht nichts mehr. So sehen meine Brüste also eigentlich aus, kein Versteckspiel mehr. Sie sind so viel kleiner ohne Halt und ohne Push-Up. Was macht das mit mir?


Während meiner ganzen Pubertät habe ich verinnerlicht, dass meine echten Brüste nicht gut genug sind. Nadja und Lisa* waren damals die ersten Mädchen in der Klasse, denen die Brüste gewachsen sind. Sie und alle anderen haben mir beigebracht, was für BHs man tragen muss. Sie haben mir beigebracht, dass Brüste immer etwas größer aussehen sollten als sie sind. Lisa trug doppelt Push-Up, das wusste jede aus der Sportumkleide. Deswegen hatte sie auch einen schlechten Ruf, oder einen Guten, je nachdem wen man fragte. Ein brutaler Ort, diese Schule.

 

Ich habe nach 10 Jahren also endlich wieder das BH-lose Leben für mich entdeckt, mein inneres Kind neu erzogen. Ich glaube, das nennt man ganz modisch reparenting oder self-parenting. Wieso erzählt einem keiner mit 13 Jahren das man wirklich die Wahl hat? Wieso fühle ich mich gezwungen nach links und rechts zu schauen? Ich werfe noch ein neumodisches Wort in diesen digitalen Raum: Diversity. Ich wünsche mir Diversity nicht nur für Brüste, aber auch für den Umgang mit ihnen! Ja, all boobs are beautiful, aber auch BHs und keine BHs sind beautiful! Let’s talk bras, baby.


*die Namen wurden zur Bewahrung der Anonymität geändert.

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