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Eine kleine Hommage an meine Schwerhörigkeit

In den letzten Wochen fragen mich so viele Menschen nach meiner Schwerhörigkeit und meinen Hörgeräten wie lange nicht mehr und ich habe das Gefühl, es wird Zeit, meiner Schwerhörigkeit einen Liebesbrief zu schreiben. 

 Dieses Bild ist 2010 entstanden; ich war 13 Jahre alt. Ich habe mich damals lediglich über die zufällige Herzform gefreut und überlegte lange, wie ich dieses Herz in Kontext setzen kann und erfand einen (wie ich fand) super eingängigen Werbeslogan. Mein Papa war damals so begeistert davon, dass wir das Foto an Phonak schickten. Was ich dafür bekam war eine große Kiste Werbegeschenke. Ich war etwas enttäuscht, hatte ich doch meinen großen Durchbruch erwartet.

 

Nicht oft habe ich meine Schwerhörigkeit verflucht. Sie war einfach schon immer da, ich kenne die Welt nicht anders. Ich bin gerne schwerhörig. Lieber als blind. Wenn mich jemand fragt, wie viel ich eigentlich höre, ist die Standardantwort: „Ungefähr halb so viel wie du.“ Dabei habe ich gar keine Ahnung. Diese 50% habe ich irgendwann mal auf dem Desktop meines Hörakustikers gelesen und seitdem war das die knappe Antwort an alle. Doch ist es etwas komplexer als das Volume der Lautsprecher einfach auf halbe Lautstärke zu stellen. Es ist dumpfer. Ich höre dich sehr gut, wenn du direkt vor mir stehst. Ich höre dich ziemlich schlecht, wenn du 5 Meter weit weg stehst oder dir eine Blume vor den Mund hältst. Je länger ich dich kenne, desto besser kann ich deine Lippen lesen und bastle mir so manchmal zusammen, was du gerade gesagt hast. Manchmal kommt da nur Blödsinn bei rum, oft kann ich so deine Sätze jedoch gut rekonstruieren. Du kannst mit mir keine stille Post spielen. Oder gerade eben deswegen besonders gut, weil nie der richtige Satz bei mir ankommt. Ich muss bei Sprachübungen immer direkt am CD-Rekorder sitzen, kann niemals ganz hinten bei den Coolen im Unterricht chillen. Für mich musst du den Fernseher immer etwas zu laut stellen.

 

Dafür kann ich meine Hörgeräte auf lauten Partys und Konzerten ausziehen. Sie trotzig rausnehmen, wenn ich dich nicht mehr hören will (auch wenn ich dich natürlich trotzdem noch hören kann, aber das hat gedauert, bis Leute das verstanden haben). Ich kann mir nicht vorstellen, wie laut es für andere Menschen in der Nacht sein muss, wenn sie eigentlich schlafen wollen. Ich knipse die Welt einfach aus. Sobald ich zu Hause bin, ziehe ich sie aus. Sehr zum Leidwesen meiner Mitbewohner*innen, aber ich liebe es, mal nicht alles hören zu müssen. Meine Familie und engen Freund*innen schimpfen mit mir, was sich sonst kaum jemand traut. Neugierige Menschen sind mir die liebsten sowie jene, die auf Anhieb Witze darüber machen. Wirklich gehänselt haben mich nur zwei Menschen in meinem Leben. Ein Lehrer, der mich mit aller Respektlosigkeit »Taube Nuss«  nannte (was im anderen Kontext ein guter Witz sein kann) und ein Klassenkamerad, der einfach selbst eine große Wut auf die Welt hatte.

 

Als ich ungefähr 14/15 Jahre alt gewesen sein muss, bin ich bei einem Reiki-Meister gewesen. Ich war skeptisch, aber meine Mutter hatte mich überredet, es mal auszuprobieren. Er wollte meine Schwerhörigkeit wegzaubern. Ich muss selbst lachen bei der Idee, vielleicht hat es deshalb nicht funktioniert. „Vielleicht kommt es aus einem früheren Leben“. Ich lag einige Minuten mit geschlossenen Augen auf seinem Sofa und habe mich von seinen Worten berieseln lasse. Schwerhörig war ich danach immer noch. „Du scheinst deine Schwerhörigkeit gar nicht los werden zu wollen“, schlussfolgerte er aus dem Misserfolg. Ja, das mag sein. Ist ja auch super praktisch. Vielleicht bist du auch einfach nicht Jesus.

 

Ich will meine Hörgeräte tatsächlich gerne behalten. Ja, sie sind unfassbar teuer und sich alle paar Wochen neue Batterien kaufen zu müssen ist auch super lästig und kein günstiger Spaß. Aber irgendwann habe ich jene, die ich aufladen kann und mit denen ich Musik hören und telefonieren kann. Dann, dann geht endlich mein lang ersehnter Kindheitstraum in Erfüllung.  

Nö, ich schlafe und es ist mucksmäuschenstill.

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