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Ein ungeliebter Vorsatz. Oder: Vielleicht nochmal alles von vorne?

 

„New Year, New Me“. So ein Quatsch. Das man kein neuer Mensch wird, nur weil sich das Datum ändert, musste jeder von uns schon mal schmerzlich feststellen. Man nimmt sich ganz klischeehaft vor, sportlicher zu sein, weniger zu trinken oder beruflich richtig durchzustarten. Doch was man erfolgreich ignoriert, ist das all das Arbeit kostet, Arbeit an sich selbst. Deshalb liegen die Mitgliedskarten des Fitnessstudios bald schon in der Schublade, das Trinken erscheint einem doch wieder die einzig spaßige Lösung und wir hören auf, daran zu glauben, wir könnten beruflich was Großes reißen. Aber, wenn man versteht, dass die Dinge nicht von ungefähr kommen, dann sind Neujahrsvorsätze gar keine so üble Sache. Ich finde wohl, dass man sich mit jedem Tag des Jahres etwas vornehmen kann, dafür braucht es eigentlich nicht dieses eine große Datum. Aber sein wir ehrlich, so ein fixer Zeitpunkt im Jahr, wo man sich mal ganz gewissenhaft hinsetzen kann (man weiß ja zwischen den Tagen ohnehin nichts mit sich anzufangen) und ein ganzes Jahr Revue passieren lassen und neue Ideen für das Nächste spinnen kann, ist schon praktisch. Am allgemeinen Recap kommt man ohnehin nicht vorbei, sobald man die Social Medias aufmacht. Also sitze auch ich Jahr für Jahr da und überlege: Wer will ich sein? Weit weg vom Optimierungsdrang überlege ich, was ich im Leben zum Glück brauche. So entstand letztes Jahr um diese Zeit ein gut gemeinter Vorsatz, den ich zum Scheitern verurteilt erklären sollte. 

Ich wollte neue Freunde finden. Das klingt zunächst voll traurig, aber was steckte dahinter? Kurzum: Seit ich denken kann, habe ich nie wirklich eine Freundschaft initiiert. Ich sehe Menschen nicht an und denke: Oh, mit ihr*ihm will ich mich anfreunden. Ich führe dann nicht Small Talk, bis wir ein Level erreichen, bei dem man sich trifft. Das mache ich einfach nicht. Ich sehe Menschen und denke: Du bist cool. Dann lasse ich sie cool sein und denke nicht mal darüber nach, dass man sich anfreunden könnte. Und sollte ich das doch mal tun, dann würde ich im Leben nichts dafür tun. Das ist einfach nicht in meinem Programm abgespeichert. So fällt mir kein*e einzige*r Freund*in ein, auf die ich irgendwann mal zugegangen bin. Die Menschen kommen in der Regel auf mich zu (Shoutout hier an alle Menschen, die sich einfach meiner angenommen haben, ihr wisst, wie der Hase läuft). So sind all meine wichtigsten Menschen in mein Leben geraten.

 

Letztes Jahr wollte ich also mal was Neues wagen und ganz initiativ auf Menschen zugehen. Das gelang mir zunächst erstaunlich gut. Ich fragte irgendwann ganz direkt nach einem Treffen und der Zuspruch war groß. Ich dachte, das kannst du echt öfter machen, wenn die Leute so euphorisch sind! Im Laufe des Jahres versackte dann allerdings meine Euphorie. Ich wurde gekorbt, ich habe, dank meiner Art, den falschen Menschen zu viele Chancen gegeben und festgestellt, dass mein Bild von Menschen oft das Falsche war. Ich wollte zu viel zu schnell. So ging ich aus dem Jahr 2019 zwar mit neuen Freunden, aber mal wieder war keine dieser Freundschaften von mir initiiert, denn diese Versuche verliefen alle im Sand. Mein erster Gedanke war, dieses Vorhaben auf Eis zu legen. Dann bin ich halt nicht die, die Freundschaften initiiert, die, die auf Menschen zugeht. Was macht das schon? Aber vielleicht braucht es auch Zeit. Vielleicht braucht es Zeit zu lernen, wie man neue Freundschaften schließt. Wenn ich das nie getan habe, woher soll ich wissen, wie es geht? Vielleicht muss mein Filter trainiert und mein Selbstverständnis, auf Menschen zuzugehen, erstmal gestärkt werden. Vielleicht muss man erstmal verstehen, was für Menschen einen wirklich bereichern. Aber vielleicht passieren die wirklich guten Freundschaften auch einfach ganz von allein. Ohne Mühe, ohne Plan.

 

Ich, ich widme mich jetzt jedenfalls erst mal wieder in Gänze meinen Freund*innen, die ich habe. Und vielleicht, irgendwann, läuft mir jemand über den Weg, bei dem*der alles wie von selbst kommt. 

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