· 

Gestern, Heute, Morgen: die Frau im Wandel - im Interview mit Andrea

Vor einigen Wochen habe ich mit meiner Tante gesprochen. Andrea (56) hat mir schon immer das Leben einer unabhängigen und starken Frau vorgelebt. Sie lässt sich selten den Mund verbieten und steht immer ein für eine offene und konstruktive Diskussionskultur. In ihrem beruflichen Leben hat sie sich der Bildung von Kindern verschrieben, privat widmet sie sich viel dem Tier- und Umweltschutz. Als meine Tante kenne ich sie vor allem lebensfroh, die sich niemals zu ernst nimmt.

 

Andrea hat in Heidelberg Lehramt studiert und trat dann ihr Referendariat im Schwarzwald an. Seit 1997 ist sie als Schulleiterin einer Gemeinschaftsschule in Obrigheim tätig. Dort wohnt sie ebenfalls, ungefähr eine Stunde östlich von Heidelberg entfernt. Geboren ist sie allerdings in dem kleinen Dorf Neckarbischofsheim, das heute knapp mehr als 4000 Einwohner zählt. Obwohl sie dort ihre ersten 18 Jahre verbrachte, ist Neckarbischofsheim für sie nicht Heimat, wobei sie mir im Laufe unseres Gesprächs erzählt, dass der Begriff Heimat für sie ohnehin ein Problem darstellt und sie lieber das Wort Zuhause verwendet. Heimat werde „teilweise in einem sehr nationalistisch denkenden Umfeld verwendet“ und davon möchte sie sich klar distanzieren. Zuhause hingegen ist für sie immer davon abhängig, wo sie gerade wohnt und wo sie ihr soziales Umfeld hat. Ich frage sie, ob sie sich demnach nirgends verwurzelt sieht: „Ich habe nicht lange genug in Neckarbischofsheim gelebt, um da verwurzelt zu sein, weil ich mit dem Abitur dort weggegangen bin und ich noch so lange zurückgekehrt bin, solange es Menschen gab, die ich dort besucht habe, wie Mutter und Tante, aber dann war es auch zu Ende.“

 

Als zwei ihrer größten Stärken sieht sie ihre gute Einschätzung von Menschen und ihr sehr gutes Bauchgefühl an. Sie könne eigentlich immer darauf vertrauen. Auf sein Bauchgefühl zu hören bedarf Erfahrung. „Irgendwann muss man sich mal entscheiden, mehr auf den Bauch als auf den Verstand zu hören, oder auch begreifen, dass der Bauch ein Teil unseres Verstandes ist.“ Auch die Menschenkenntnis käme mit dem Alter. Es setzt sowohl ein Interesse am Menschen als auch eine gute Beobachtungsgabe voraus. „Das heißt auch manchmal, dass man nicht immer nur agieren darf, sondern auch manchmal einfach nur ruhig dasitzen muss und beobachten.“

 

Ich frage Andrea, was sie im Leben antreibt und erfahre etwas mehr über meinen Großvater, den ich nie kennenlernen durfte: „Mein Vater, dein Opa, hat immer gesagt: die Unzufriedenen bewegen die Welt.“ Andrea bezieht diese Frage besonders auf ihre Tätigkeit als Lehrerin und Schuldirektorin. Sie sieht sich und ihre Kolleg*innen verpflichtet, Kindern eine möglichst gute Ausgangslage zu verschaffen. Besonders für Kindern, bei denen tatsächlich Nöte und Probleme in der Entwicklung erkennbar sind. Ich frage sie, ob sie das beruflich auch so angetrieben hat: „Ja, und natürlich eine familiäre Disposition, immer bei den Besten sein zu wollen.“ Auch ich fühle mich dabei ertappt und wir lachen beide. Privat treiben sie politische Themen wie der Umwelt- und Tierschutz an, aber auch eine gewisse Genügsamkeit strebt sie an, „zur Ruhe zu kommen und durchaus auch mal einen Abend lieber ein Loch in die Wand zu gucken, als dauernd auf der Rolle zu sein.“

 

Wir kommen zum Thema Frau sein. Was das für sie bedeutet, überlege Andrea auch immer wieder. „Frau sein in meiner Jugend war ja ein anderes Thema als Frau sein heute.“ Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend, in der die Generation ihrer Mutter noch das traditionelle Frauenbild der Hausfrau verkörperten, die meist nicht berufstätig waren, doch durchaus eine andere Zukunft für ihre Töchter wünschten. Dass sowohl Andrea als auch ihre zwei Brüder eine gute Ausbildung bekommen stand nicht zur Diskussion. Sie erlebte noch, wie es Frauen nicht gestattet war selbstständig ein Konto zu eröffnen oder zu entscheiden, welchen Beruf sie ausüben, wenn sie denn arbeiten durften. Doch ihre Mutter, meine Oma, habe solche Dinge schon sehr selbstständig entscheiden können, hätte es jedoch niemals als feministischen Akt gesehen. Sie habe ihre Meinung vertreten und auch Gleichberechtigung sei zu Hause gelebt worden. Gleichzeitig erzählt Andrea, dass doch noch ein traditionelle Rollenbild vorhanden war, „dass man die Mädchen eher im Haushalt beschäftigt hat und die Jungs eher außerhalb des Haushaltes“. Da sie selbst jedoch einen sogenannten Frauenberuf ausübt, musste und hatte sie sich damals auch nicht weiter damit auseinandergesetzt. Sie war jedoch sehr wohl eine der ersten weiblichen Schulleiterinnen einer großen Schule im Umkreis und erinnert an eine bestimmte Situation während einer Veranstaltung, „als der Pfarrer eines Nachbarortes zu mir gesagt hat: Ach sie sind die Quotenfrau aus Obrigheim. Das war für mich so ganz fremd, dass ich auch nichts drauf zu sagen wusste, weil mir nur der Mund offen stehen geblieben ist.“

„Freiheit und Rechte haben immer was mit Pflichten und Arbeit zu tun.“

Andrea beschäftigt heute ein sichtbarer Rückschritt bei ihren Schülerinnen. Sie beobachtet, dass Mädchen im Alter von 14/15/16 Jahren die Vorstellung von „Mutter und Hausfrau mit drei Kindern und einem Hund“ wieder immer attraktiver finden und ihre Ausbildung nicht mehr so wichtig nehmen. Wenn Andrea dann ihre Predigt hält, käme nur noch ein desinteressiertes: „Ja, wissen wir“. Sie vermutet eine gewisse Bequemlichkeit dahinter. „Es bringt ja auch weniger Verpflichtung mit sich. Freiheit und Rechte haben immer was mit Pflichten und Arbeit zu tun“. Ob sie sich als Feministin bezeichnen würde, verneint Andrea. Das wäre heutzutage nicht mehr nötig und würde eher Wände aufstellen als Dialog zulassen. Man solle diesen Begriff außen vorlassen und einfach ganz selbstverständlich sagen: „Hier sind wir, wir haben die gleichen Rechte“. Der Begriff Feminismus sei heutzutage stark negativ konnotiert. Für sie ist das allerdings nicht der Grund, sich nicht als Feministin zu bezeichnen. „Das Thema ist, es gibt die Gesellschaftsschicht, bei der der Feminismus angekommen ist. Da brauche ich es nicht, da kann ich sehr selbstbewusst auftreten. Mit dem Begriff Feminismus baue ich dort, wo ich Überzeugungsarbeit leisten muss, jedoch eher Wände auf, statt offen auf die Menschen zugehen zu können.“

 

An sich definiert Andrea Feminismus für sich damit, die gleichen Chancen und gleichen Rechte zu haben. Mit allen Unterschieden, die Menschen ausmachen, „immer in den Rollen, die Frauen und Männer einfach aufgrund ihrer Biologie, ihrer Psyche, ihrer Einstellung haben. Also ich bin vollkommen überzeugt, dass Männer und Frauen anders denken, anders ticken und deswegen halte ich es für wichtig, dass alle Felder mit beiden Geschlechtern besetzt sind.“ Sie spricht hier nicht nur von einem beruflichen, sondern auch von einem familiären Kontext. Besonders bei Alleinerziehenden fehle häufig der Einfluss eines zweiten Geschlechts. Auch Schulen seien zu stark mit weiblichen Lehrenden besetzt.

 

Meine Frage, was Andrea sich für die Gesellschaft in der Zukunft wünschst, beantwortet sie mit einem guten Miteinander. „Ein Miteinander, das weniger durch ‚Was habe ich/Was will ich‘ geprägt ist, sondern ‚Wie tun wir uns gegenseitig gut, im Sinne von wie ermöglichen wir uns allen ein Leben, das lebenswert ist?‘“ Auch einen Bezug zur Umwelt und den Tieren nimmt Andrea. „Ghandi hat mal gesagt: Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandeln.“ Davon sieht Andrea die Gesellschaft weit entfernt. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0