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Vom Stereotyp Frau und ihrem persönlichen Widerstand - im Interview mit Svea

Svea (19) ist wohl einer der größten Freigeister, die ich kenne. Inspiriert von ihrer Zuversicht und ihrem Willen, ihren eigenen Weg zu gehen, lerne ich sie in Köln kennen. Als autodidaktische Musikerin bahnt sie sich ihren Weg von der Straßenmusik zur Bühne. Saxofon, Gitarre, Ukulele, Klavier – und es werden immer mehr. Während sie in meinen Augen absolute Lebenslust versprüht, lerne ich mit der Zeit, dass auch sie viele gesellschaftskritische Themen umtreiben.

In der Eifel aufgewachsen, fällt es ihr eher schwer, das als Heimat zu bezeichnen. Das Haus und die Nachbarschaft, in der sie aufwuchs, das ist Heimat für sie. Die Eifel eher weniger. Die Ruhe, die sie mit diesem Haus verbindet, vermisst sie seit sie in Köln wohnt. Hier ist alles etwas lauter und mehr. Dennoch ist Köln für sie auch Heimat geworden. Seit zwei Jahren wohnt sie nun hier und hat super schnell in dieser diversen Community Fuß fassen können. 

 

Neben Musikkomposition für das Theater, verdient Svea als Musikerin auf der Straße und auf der Bühne ihr Geld. Dafür braucht es unter anderem viel Mut, um nach einem weniger erfolgreichen Tag nicht die Lust zu verlieren und sich einschüchtern zu lassen. „Sachen einfach zu machen“, das sieht Svea als ihre Stärke. „Manchmal ist mein Körper schneller als mein Kopf und das ist gut, weil mein Körper es dann einfach macht und bevor ich das tausend Mal durchdenke und es dann doch nicht mache, bin ich mir da quasi einen Schritt voraus.“ So gerät sie immer wieder in neue Projekte und ist jedes Mal glücklich, es gewagt zu haben. Zudem beschreibt sie sich als caring und zuverlässig. Für sie bedeutet das, für andere da zu sein, sie zu stützen und zuhören zu können. „Dass sie wissen, wenn sie mich für irgendwas brauchen, dass ich dann da bin.“

 

„Ich finde, dass Frauen voll geil sind, voll stark irgendwie.“

 

Ich frage Svea, was für sie Frau sein bedeutet. „Ich finde Stärke. Ich finde, dass Frauen voll geil sind, voll stark irgendwie. Ich finde es gut, eine Frau zu sein, aber vielleicht auch nur, weil ich mich trotzdem so anziehen und agieren kann, wie ich will.“ Sie sagt, sie sei in anderen Städten oder Ländern vielleicht lieber ein Mann, da sie sich mancherorts erst dann so verhalten könne, wie sie es in Köln tut. Sie sei jedoch froh, eine Frau zu sein, da Frauen durch die Gesellschaft mehr Emotionalität zustehen. Männern würde verwehrt werden, emotional zu sein, wie beispielsweise zu weinen. „Da bin ich total froh, dass ich in das Geschlecht geboren wurde, wo das ok ist und man sich emotional ausleben darf.“ Auch die freundschaftliche Liebe unter Frauen würde Svea nicht missen wollen. Diese sei sehr bereichernd für sie. Ob sie sich als Feministin bezeichnen würde kann sie nicht sofort beantworten, bejaht es jedoch nach einiger Überlegung. Was ihr an dieser Begrifflichkeit nicht gefällt ist, dass Feminist*innen sich diesen gegenseitig zerschlagen. Sie kann verstehen, dass sich manche Menschen nicht dieser Gruppe zugehörig fühlen wollen. „Es gibt ein Bild vom Feminismus, das eigentlich nicht richtig und eher unattraktiv ist.“ Der Feminismus sei jedoch wichtig, um die Aufmerksamkeit auf die Fakten, wie zum Beispiel der Gender Pay Gap, zu lenken. Aber auch der Aktivismus im privaten Umfeld trägt seinen Teil dazu bei. Hier kann man direkt ansprechen, was einen selbst stört und betrifft. Für Svea zählt, dass man sich über die Ungerechtigkeiten bewusst wird und auch darauf aufmerksam macht, weil das im täglichen Umgang mit anderen auch etwas mit einem selbst macht.

 

„Ich habe ja in der Pubertät angefangen, mich so ein bisschen dem typischen Mädchenbild zu widersetzen.“

 

Ein selbstbestimmtes Leben, in dem man nicht ständig den Kommentaren von anderen ausgesetzt ist, das wünscht sich Svea für sich und andere. In Köln hat sie das für sich finden können, doch war der Weg dorthin nicht immer einfach. „Ich habe ja in der Pubertät angefangen, mich so ein bisschen dem typischen Mädchenbild zu widersetzen. Das heißt, ich habe nicht, wie alle anderen in der Pubertät, ausprobiert, was schminken ist und Kleider angezogen und darauf gehofft, dass meine Brüste besonders groß werden oder sowas.“ Sie trug lieber lockere Kleidung und schnitt sich ihre Haare kurz. Damit traf sie auch auf negative Resonanz. Frauen fingen auf öffentlichen Toiletten an, sie zu mustern und darauf hinzuweisen, die Herrentoilette sei woanders. Mit 13-15 Jahren kam sie damit noch nicht gut zurecht. Sie fühlte sich persönlich angegriffen und entschied sich gegen ihre Bedürfnisse, da sie von der Gesellschaft offensichtlich nicht so akzeptiert wurde, wie sie war. Sie ließ sich ihre Haare wachsen, trug Kleider und fing an sich zu schminken. Sie suchte sich neue Freundinnen, die ihre neue Rolle bestärken sollten. Dass sie hier keine guten und tiefen Freundschaften fand, wurde ihr schnell bewusst. Schon bald nervten sie die langen Haare, sie wollte lieber wieder lockere Hosen statt Hot Pants tragen. ‚Scheiß drauf!‘, dachte sie sich und rasierte sich ihre Haare wieder ab. Richtig konfrontiert damit sah sie sich erst wieder nach ihrem Umzug nach Köln. Die Vermutung, das Spiel würde wieder von vorne anfangen bestätigte sich vorerst nicht. „Da merkt man den Unterschied von Land zu Stadt. Hier hat mich eigentlich keiner wirklich doof angemacht oder angeguckt, weil man hier weitestgehend rumlaufen kann, wie man möchte.“ Doch auch hier sollte sie irgendwann auf der öffentlichen Toilette die altbekannten Blicke und Kommentare ernten. Im Gegensatz zu früher merkte sie jedoch, dass sie stärker geworden ist. Sie entschied sich, diesen Menschen nicht mehr die Macht zu geben, sich wieder ändern zu wollen. „Ich habe auch genügend Leute, die das cool finden so, bei denen ich mich wohl fühle.“

Seitdem ist es jedoch ein ständiges Thema, dass sie in ihrem Alltag begleitet. Mittlerweile amüsiert es sie, dass sich Leute vom Äußeren anderer so irritieren lassen und wie schnell sie das Gefühl bekommen, sie müssten die Person darauf hinweisen, dass sie gerade falsch sei und die Entscheidung nicht der Person selbst überlassen können. „Denn selbst wenn ein Mann auf der Damentoilette ist: wenn er dort falsch ist, wird es ihm schon auffallen. Dann wird er schon selbst entscheiden können, ob er jetzt dableiben will oder nicht.“

Auch Svea frage ich, was sie sich für die Gesellschaft der Zukunft wünscht. „Mehr caring. Caring für alles, was einem wichtig ist. Und damit meine ich nicht nur für Dinge, die mir persönlich wichtig sind, sondern einfach ein bisschen mehr Verantwortungsbewusstsein für alles. Auch, dass man aus seinem direkten Umfeld rausdenkt, sich informiert und auch Verantwortungsbewusstsein für etwas schafft, was einem nicht direkt persönlich betrifft und greifbar ist. Dass man auch über seinen Tellerrand hinaus Verantwortung übernimmt und auch für andere Leute einsteht.“

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