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Problemkind Politik und Jubel für die Jugend - im Interview mit Ronja

Ronja (21) kenne ich nun über ein Jahr. Immer engagiert und fast jedes Wochenende unterwegs, findet sie stets die nötige Kraft, das Leben und sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Ich erlebe sie immer mit guter Laune und einem Lächeln auf den Lippen. Sie scheint nie den Mut zu verlieren, sich bedingungslos für ihre Überzeugungen einzusetzen. Im Interview mit ihr ging es vor allem um Politik, Jugendpartizipation und natürlich Feminismus. 

 

Geboren in Köln, hat es Ronja nach der Schule erst mal nach Sylt gezogen, wo sie ihr FÖJ machte. Besonders in diesem Jahr hat sie Köln wirklich als ihre Heimat ins Herz geschlossen. „Als ich noch in Köln gewohnt habe war ich nicht so richtig stolz darauf. Also ich dachte schon, es ist cool daher zu kommen, aber es ist jetzt nicht so, dass ich die super krasseste Kölnerin bin. [Es] ist auf jeden Fall Heimat für mich, aber tatsächlich erst so ein bisschen geworden seit ich weggezogen bin.“ Sylt ist für sie der Ort des Neubeginns. Sie fühlte sich anders als sie die Insel nach einem Jahr wieder verlassen musste. Sie war kein anderer Mensch, aber wesentlich gesettelter. Sie habe an Sicherheit gewonnen und wusste, wohin es für sie gehen soll.

Ich habe Ronja nach ihren größten Stärken gefragt. Sie nennt mir ihre Fähigkeit, den Überblick zu behalten, mit einer gewissen Struktur an die Sache zu gehen. Besonders bei Diskussionen in großen Gruppen hilft ihr das, um durch das Gespräch zu moderieren und auch im Blick zu behalten, was damit erreicht werden soll. Neben Zuhören erzählt sie mir auch von ihrer Sensibilität für zwischenmenschliche Beziehungen. „Ich merke relativ schnell, wie Menschen zueinanderstehen, wie das gerade zwischen den Menschen im Raum ist.“ Diese Stärken helfen ihr auch besonders im Alltag. Neben ihrem Studium in Umwelt- und Raumwissenschaften in Lüneburg, betreut sie ehrenamtlich eine Kindergruppe beim NABU und engagiert sich im YouPaN (YouthPanel), ein Jugendforum für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Dort geht es vor allem um das deutsche Bildungssystem und wie man dieses sinnvoll transformieren könnte – immer mit dem Blick darauf, langfristig Menschen zum nachhaltigen Leben zu mobilisieren. Dabei spielen auch die SDGs (siehe Abbildung*) eine große Rolle. Entstanden ist das Jugendpanel aus dem Wunsch des Bildungsministeriums heraus, im Rahmen vom nationalen BNE-Prozess Jugendpartizipation zu etablieren. „Wir sind tatsächlich die erste richtig strukturelle Jugendpartizipation auf Ministeriumsebene, die auch Stimmrecht hat – zumindest haben wir bisher noch von keiner anderen gehört (schmunzelt).“ 

Für Ronja ist es unverständlich, Jugendliche nicht an politischen Themen zu beteiligen, „weil die ja einfach diejenigen sind, die in der Zukunft leben müssen“. Das sei total plakativ, aber die Jugend sei ein ganz wesentlicher und wichtiger Hebel. Für die Jugend ist es momentan kaum möglich, ihre Zukunft mitzugestalten. Es werden Entscheidungen gefällt, deren Auswirkungen noch viele Jahrzehnte spürbar sind. In 30 Jahren sei es zu spät oder zumindest sehr schwierig, die Auswirkungen zu kompensieren. Man solle doch lieber jetzt die Möglichkeit nutzen, Jugendpartizipation zuzulassen. Das Argument, Jugendliche haben keine Ahnung, kann Ronja nicht mehr hören. „[…] das stimmt halt nicht. Man sieht es ja gerade auch bei jeder FFF** Demo. Die Leute haben sich so krass informiert.“ Auch im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung ist es für sie unlogisch, diese komplette Bevölkerungsgruppe gar nicht bis wenig einzubinden. Es gibt die Erwachsenenpolitik und die Jugendlichen, die Schnittstellen sind minimal. Jugendpolitik bekommt nicht genug Beteiligungsmöglichkeiten in der realen Politik und das muss sich ändern. „Das ist einfach eine Gerechtigkeitsfrage“. 

 

Nach dieser wichtigen Thematik will ich nochmal ein bisschen über Ronja reden. Seit ich sie kenne, bewundere ich ihre Selbstsicherheit auf der Bühne und bei der Moderation. Sie erzählt mir, dass sie schon relativ früh auf der Bühne stand. Als Jugendliche eigentlich mehr mit ihrer Tanzgruppe. Während des Standardtanzens hat Ronja nochmal ein neues Selbstbewusstsein für sich entwickelt. Das Gefühl etwas gut zu machen und das auch von der Gruppe gespiegelt zu bekommen hat sie viel gepusht. Dass sie auf der Bühne moderiert ist erst seit einem guten Jahr der Fall. Zwischendurch hat sie sich auch schon mal in Poetry Slam versucht. „[…] es ist schon nice auf der Bühne zu stehen und zu wissen, dass einem Leute zuhören.“ Während der Schulzeit wäre das weniger der Fall gewesen. Ronja hatte oft das Gefühl ihr würde nicht richtig zugehört. Umso mehr genießt sie die Zeit auf der Bühne und die Momente, in denen sie sich für ihre Belange einsetzen kann und man ihr zuhört.

Als ich sie frage, was sie im Leben antreibt, wofür sie morgens aufsteht, sagt sie „tatsächlich für Verabredungen (lacht). Es fällt mir sehr sehr schwer, einfach nur aufzustehen, wenn ich weiß, dass niemand auf mich wartet.“ Besonders das Gefühl der Selbstwirksamkeit treibt sie an. Das Gefühl mit dem, was sie tut, tatsächlich was erreichen zu können. Den ganzen Tag nur Mails beantwortet zu haben fühlt sich ziellos an. Besonders kurzfristige Outputs sind ihr wichtig, um das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Zudem sagt Ronja, sie macht Leute gerne stolz und erinnert dabei an ihren Opa, der verstorben ist. Dann denkt sie manchmal: „Ok, mein Opa fände das jetzt schon cool, was ich mache.“ Sie sagt von ihm, er war ein Naturmensch und hat mit ihr viel Zeit draußen verbracht. Oft fühlt sie noch heute seinen Support. Die Trauer nach seinem Tod habe ihr nochmal viel über sich selbst gelehrt.

Die Frage, die ich in dieser Reihe alle frage ist, ob sie sich selbst als Feministin sehen. „Noch nicht. Ich glaube, es ist ein bisschen so, als hätte ich darein geschnuppert die letzten Monate. Also es ist halt auch so ein Ding, was durch viele Gespräche kommt. Und du denkst dann: ok, jetzt musst du dich mal damit auseinandersetzen.“ Sie sei für das Thema sensibler geworden und dadurch habe sich ihr Blick auf feministische Themen im Alltag geschärft. Wenn einem selbst etwas stört – es einen stört, wie mit einem umgegangen wird – steckt da eine ganz andere Kraft hinter, eine die viel mehr mobilisiert. Doch hat sie nicht das Gefühl, sich Feministin nennen zu dürfen: „Ich habe einfach nicht genug Wissen“. Der Diskurs sei total wichtig und sinnvoll und als ich nochmal nachhake gesteht sie, sie sei nicht sicher ob es das fehlende Wissen ist oder die Sorge, sich dann keine Fehler mehr leisten zu dürfen.“[…] dann muss ich auch richtig krass danach handeln und [du darfst] dir eigentlich nichts mehr erlauben, was auch nur ansatzweise nicht feministisch ist.“

Ich frage Ronja, was sie sich für die Zukunft wünscht. „Jugendpartizipation (lacht). Ich glaube der Punkt ist klar geworden.“ Politik zwischen Jugendlichen und Erwachsenen auf Augenhöhe. Augenhöhe sei in der Kommunikation immer wichtig. Das Übereinanderstellen blockiere viele Möglichkeiten. „Ich würde mir also wirklich mehr Augenhöhe wünschen, vielleicht auch tatsächlich mehr Augenkontakt.“


* Bildquelle: https://sustainabledevelopment.un.org/sdgs

**FFF = Fridays For Future (mehr Informationen hier)

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