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Und noch ein Beitrag über Sexismus bis die Welt es kapiert

Momentan lese ich „The Future is Female!“, von Scarlett Curtis herausgegeben und von vielen großartigen Frauen* geschrieben. Jede erzählt von ihrem ganz persönlichen Feminismus. Ich lese eine Geschichte nach der anderen und in meinem Kopf kommen immer dieselben Reaktionen. „Ja!“, „Absolut!“, „I feel you!“, „Krass, du auch?!“ In all diesen Erzählungen finde ich mich wieder, die Hälfte der beschriebenen Gedanken, Vorfälle und Ängste betreffen mich ebenso und mir wird nach wie vor immer bewusster, wie viel Sexismus ich in meinem Leben schon selbst erlebt oder beigewohnt habe.

 

Auch unter Freund*innen kommt Sexismus nicht selten vor. Man solle sich dann aber doch nicht so anstellen, man wüsste doch, dass man das doch gar nicht ernst meint. Nur leider wird sich nie was an dem Bild ändern, wenn ihr all diesen Sexismus immer wieder, ob im Witz oder nicht, reproduziert. Besonders im persönlichen Umfeld sollte man sich als Frau* sicher fühlen. Dazu zählt neben Freund*innen natürlich auch die Familie, denn Sexismus fängt früh an. Ich erinnere mich an einen Nachmittag in der Eissporthalle, meine Schwester und ich (ich dürfte vielleicht so 8 oder 9 gewesen sein) waren ambitionierte kleine Eiskunstläuferinnen und hatten zum Saisonende eine Aufführung, bei der natürlich unsere Eltern nicht im Publikum fehlten. Mein Vater hatte einen langjährigen Freund mitgebracht, der für ein paar Tage zu Besuch war. Ich erinnere mich, vor der Aufführung kurz bei ihnen gewesen zu sein und wie der Freund eindringlich nach einem Kuss auf die Wange bat. Ich erinnere mich, wie unangenehm es mir war und dass ich lange zögerte, bis mir seine Bitten zu viel wurden und ich ihn doch auf die Wange küsste. Hätte er darum gebeten, wäre ich ein Junge gewesen?

In der Schule war Mädchen sein auch nicht immer leicht. Ich hatte bereits in einem Beitrag zur #metoo Debatte über den wahrscheinlich prägendsten Moment aus meiner Schulzeit gesprochen, wenn es nicht nur um Sexismus geht, sondern auch konkret um sexuelle Übergriffe. Wir waren auf Skifahrt und ein Junge – der alle paar Wochen entschied, dass er mich toll findet – saß bei mir im Zimmer, bis sich die Situation zuspitzte und ich, in die Ecke gedrängt, versuche, mich aus dieser Enge und seinen Kussversuchen zu befreien. Meine Worte waren letztendlich doch genug als ein Nein verstanden zu werden. Das änderte sich jedoch, als es wenige Tage im Bus nach Hause ging. Der Bus war dunkel, viele schliefen. Ich saß alleine ganz hinten, war froh um ein bisschen Ruhe, bis sich der Junge neben mich auf den freien Platz setzte. Ich ließ mich erst nicht groß davon beirren, wir sprachen kein Wort miteinander. Doch plötzlich griff er nach meiner Hand und lässt sie auf seinem Schritt fallen. Mir ist damals noch nicht gänzlich bewusst gewesen, ob er jetzt erregt war oder nicht, ich hatte mit meinen gut 13 Jahren noch keine sexuellen Erfahrungen mit Jungs gehabt. Ich zog meine Hand weg, völlig peinlich berührt davon, was hier gerade geschieht. Doch das war ihm wohl nicht deutlich genug, denn just nahm er wieder meine Hand und ließ sie über seinen Schritt gleiten. Spätestens da überkam mich das leise Gefühl, dass er erregt war. Ich zog meine Hand wieder zurück und machte wohl endlich unmissverständlich klar, dass er mich in Ruhe lassen soll, denn dabei beließ er es dann.

Auch nach der Schule war Sexismus keine Ausnahme, wurde vielleicht sogar eher immer offensichtlicher, je älter man wurde. Ich fing zunächst ein Praktikum und später die Ausbildung im selben Fotostudio an. Alles klang vielversprechend, mein Chef war hellauf begeistert, mich im Team zu haben. Seine ersten Worte, als er mich zum ersten Mal sah: „Es geschehen noch Zeichen und Wunder!“ Doch die rosigen Zeiten nahmen schon bald ihr Ende. Nicht nur mein Chef machte mir das Ausbildungsleben schwer, auch meine Kollegen waren groß darin, mich klein zu halten. Ich war gerade dabei, mich mit dem Studiolicht auseinanderzusetzen und sollte zum ersten Mal alleine ein Foto von einem Kunden machen. Sichtlich überfordert mit dem ganzen Studioaufbau bat ich verzweifelt um die Hilfe zweier Kollegen, die mir bereits genüsslich zuschauten. Sie verweigerten mir die Hilfe, da ich das alleine schaffen solle. Beide kicherten weiter vor sich hin. Ich wurde sauer, warum sie mir nicht einfach zu Hand gehen könnten. Während sich beide noch eine ganze Weile lauthals über meine Verzweiflung amüsierten und mich das immer mehr frustrierte, nannte mich einer der beiden hysterisch. Der andere sah ein, dass das ein Schritt zu viel gewesen war und kam mir schlussendlich doch zur Hilfe. Aber besonders mein Chef hat mir jeden weiteren Monat in meine Ausbildung hinein das Gefühl gegeben, nicht erwünscht zu sein. Er sprach mit meinen männlichen Kollegen über gemeinsame Fotoausflüge, um ihre Fähigkeiten auszubauen, während ich daneben stand und nicht eingeladen wurde. Der Satz, der das Fass letztendlich zum Überlaufen brachte war allerdings folgender zu mir: „Männer werden ohnehin die besseren und erfolgreicheren Fotografen.“

Später – ich hatte die Ausbildung schon lange abgebrochen – sollte ich das Team nochmal auf einer Abschlussfeier eines Ex-Kollegen treffen. Einer meiner ehemaligen Kollegen, die Nacht war schon etwas voran geschritten und er gut angetrunken, schaute mich an und sagte zu mir, ich sähe mittlerweile doch wirklich aus wie eine Frau.

Sexismus begegnet uns überall. Privat sowie öffentlich. Zu Hause, auf der Arbeit, auf der Straße. Face to face und im Internet. Manche Situationen prägen dich mehr als andere; je grenzüberschreitender, desto angsteinflößender. Doch ist ein „Hey Kleines“ genauso unangebracht wie mir an den Hintern zu fassen, wenn ich es nicht erlaubt habe. Ich fordere wirklich nicht zu viel. Ich fordere einen respektvollen Umgang miteinander. Ich sehne mich nach einer Gesellschaft, die Rollenbilder aufbricht, Stereotype überdenkt und neue Denkweisen zulässt. Ich will nicht in einer Gesellschaft leben müssen, in der das Bild von Geschlechtern in Stein gemeißelt zu sein scheint. Frauen* wird manchmal auf so subtile Weise eine untergeordnete Rolle zugeschrieben, dass es uns teilweise gar nicht mehr bewusst ist. Wir selbst müssen uns manchmal dabei erwischen, wie wir uns in die Rollenbilder fügen. Auch wir antworten mal in unserer Verzweiflung „Frauen und Technik!“ Wir müssen uns in diesen Momenten wach schütteln, uns dagegen wehren, gegen festgefahrene Strukturen. Aber nicht nur wir Frauen müssen kämpfen. Wir müssen alle mit ins Boot holen. Für eine gerechtere und bessere Welt für alle.

 

#girlsmasturbatetoo #boyscrytoo


(Werbung/unbeauftragt)

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