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Von der Verantwortung Lehrerin zu sein und von den Schwierigkeiten, sich Feministin zu nennen - im Interview mit Vanessa

Mit Vanessa (22) habe ich die erste richtige Freundschaft an der Uni geschlossen. Sie selbst sagt von sich oft, dass sie ein gutes und schnelles Gespür dafür hat, mit wem sie sich gerne anfreunden will. So hat sie auch hier schnell den Weg zu mir gefunden und ich könnte mich nicht glücklicher schätzen, in ihr so eine großartige Freundin gefunden zu haben. Dieses Interview hat mir einmal mehr vor Augen geführt, was für eine tolle Frau sie ist. Geboren und aufgewachsen ist Vanessa in einem Stadtteil von Wolfsburg. Die vielen Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend prägen ihr Heimatsgefühl für diese Stadt. Doch auch Lüneburg, wo sie ihr Studium in Grundschullehramt in Deutsch und Musik absolviert, ist für sie Zuhause geworden. Doch nichts wird ihr das Gefühl nehmen können, das sie bekommt, sobald sie mit dem Zug in Wolfsburg ankommt. „Dann geht mir schon so ein bisschen mein Herz auf“.

Ich zapple nicht lange und steige direkt in die großen Fragen ein. Was empfindest du als deine größten Stärken? „Dass ich mich eigentlich immer in Leute hineinversetzen kann und das eigentlich auch ununterbrochen mache. Also ich kann das schon gar nicht mehr kontrollieren und abschalten.“ Und genau das erlebe ich jedes Mal, wenn wir uns sehen. Sie ist vorsichtig mit ihrer Wortwahl, das merkt man, sobald man mit ihr redet. Sie ist bedacht darauf, ihr Gegenüber nicht zu verletzen, hat ein Gefühl dafür was und wie sie es sagt. Gleichzeitig scheint sie die Balance dazu, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, perfektioniert zu haben. Sie spielt kein falsches Spiel mit dir, darauf kannst du vertrauen. Ihr Empathievermögen würde ihr in ihrem späteren Beruf als Lehrerin helfen, besser auf die Kinder eingehen zu können. „Man muss sich daran erinnern können und auch ein bisschen fühlen können, wie Kinder sich in der Situation gerade fühlen, um denen dann auch weiterzuhelfen. Du musst ja erst mal nachvollziehen können, dass es gerade schwierig für das Kind ist.“ Auch Selbstvertrauen und ein Bewusstsein für sich selbst bezeichnet Vanessa als eine ihrer Stärken. Sie vertraut auf ihre Fähigkeiten, privat sowie im beruflichen Kontext. Auch ich sehe dieses Selbstbewusstsein in ihr. Sie weiß, was sie will und lässt sich in ihrem Weg auch nicht beirren. Als weitere Stärke nennt sie ihren Gerechtigkeitssinn. Vermutlich ermöglicht durch ihr Empathievermögen, achtet sie nicht nur auf ihre eigenen Vorteile, sondern auch auf das der anderen. „Ich weiß, ich habe ein tolles Leben und davon kann ich anderen Leuten auch was abgeben und muss nicht noch mehr haben, sondern kann auch genügsam sein.“ Welche Stärke sie am meisten spürt, ist ihr Gerechtigkeitssinn, da sie viel Ungerechtigkeit auf der Welt sieht und den Kopf darüber schütteln muss, „wieso das so ist und warum andere nicht so gerecht sein können.“

 Ihre Genügsamkeit ist eine Charaktereigenschaft, die während des Interviews immer wieder hervorsticht. Als ich sie frage, was sie im Leben antreibt, ist ihre Antwort Glücklich sein, dass ihre Taten und Entscheidungen gut sind. „Solange man das tut, wo man einen Sinn drin sieht, auch wenn man den gar nicht unbedingt in Worte fassen kann, glaube ich, macht man auch alles richtig.“ Vanessa wollte tatsächlich schon immer Lehrerin werden und damit Menschen helfen. Auch dieser Beruf ist für sie mit Sinn gefüllt. Sie sah sich selbst nie bei VW arbeiten – was in Wolfsburg oft üblich ist – sondern will Menschen helfen, sie in ihrer Entwicklung unterstützen.

 

Die erste Frage, die sie mir nicht sofort beantworten konnte war, was für sie Frau sein bedeutet. „Ich habe keine Ahnung. Das finde ich total schwierig. Also erst mal einfach Mensch zu sein.“ Als sie länger darüber nachdenkt, macht sie auf die Benachteiligung und manchmal auch Ungerechtigkeit aufmerksam, die man als Frau noch heute erfährt. Sie sieht durch bestimmte Handlungen eine konstruierte Unterscheidung zwischen den Geschlechtern, die aber nicht immer negativ wahrgenommen werden muss. „So, ich muss der Frau unbedingt ihre Tasche tragen. Das ist ja im Prinzip gar nicht böse gemeint, aber es macht trotzdem wieder einen Unterschied zwischen den Geschlechtern.“ Ich frage sie, ob sie eine gewisse Unterscheidung denn in Ordnung findet. „Ich finde, einen kleinen Unterschied kann man nicht leugnen. Wir sind einfach alle unterschiedlich und das ist auch total ok.“ Sie findet allerdings nicht, dass der Mann die Rolle des Taschenträgers erfüllen muss. „Ich halte auch Männern die Tür auf und freue mich auch, wenn sie mir die Tür aufhalten. Ich finde, es muss einfach gleichberechtigt sein.“ Sie wünscht sich einfach einen respektvollen Umgang miteinander, ob Frau* oder Mann*.

Ich frage Vanessa, ob es für sie bestimmte weibliche Attribute gibt. Sie sagt, dass es natürlich gewissen Stereotype gibt, sie sich davon allerdings nicht so stark leiten lassen will, was nicht immer leicht sei und schwierig auszuschalten. Sie selbst findet es schwierig, sich Feministin zu nennen. Nicht, weil sie nicht hinter diesem Gedanken und Konzept steht, sondern weil sie den negativen Beigeschmacks dieses Begriffs noch zu sehr wahrnimmt. Auch passt sie in ihren Augen noch nicht in das Bild einer Feministin, dafür fehle ihr noch das Wissen, um sich mit gutem Gewissen als solche bezeichnen zu dürfen. Für sie braucht es dafür mehr Einsatz und auch Stärke, feministische Themen auch anzusprechen. Ich frage sie, ob sie glaubt, dass Frauen diese Sorgen nicht mehr hätten, wenn genug Frauen sich damit identifizieren und dazu stehen würden, dass das den Begriff also auch verändern und positiv belegen könnte. Das bejaht sie: „Das würde ja den Stereotyp komplett ändern. Weil ich glaube, jetzt gerade ist der Stereotyp durch die Medien eher männlich wirkende Frauen die Männer hassen.“

Auch Vanessa frage ich, was sie sich für die Gesellschaft wünscht. „Mehr Reflexionsvermögen, mehr Offenheit und mehr Gerechtigkeit für Menschen und umweltliche Aspekte. Wir brauchen weniger Egoismus und mehr Nächstenliebe.“

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