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Vom kölschen Lebensgefühl und einem gesunden Körperbewusstsein - im Interview mit Lina

Lina (27) habe ich kennengelernt durch meine Schwester. WIr sind uns ein paar Mal zufällig auf den Straßen der Kölner Südstadt begegnet, bevor ich sie auf einer Feier meiner Schwester besser kennen lernte. Dort habe ich auch zum ersten Mal ihre warmherzige Art, aber auch ihre Selbstsicherheit gespürt. Auch wenn wir uns noch nicht viel gesprochen hatten, umarmte sie mich herzlich als würden wir uns schon ewig kennen und ich merkte, wie aufrichtig aufmerksam und auch fürsorglich sie ist.

 

Geboren in Köln, hat Lina die Stadt besonders in den letzten Jahren wieder in ihr Herz geschlossen. Nachdem sie ihr Studium in Köln abgeschlossen hatte, zog es sie allerdings zunächst einmal raus. Die Stadt wurde ihr „emotional zu klein“, überall traf sie auf bekannte Gesichter, hatte das Gefühl, alles gesehen zu haben. Also nahm sie einen Job bei einem bekannten Möbeldesigner in Süddeutschland an. Erst dort lernte sie wieder das Lebensgefühl von Köln zu schätzen. Eine tolerante Stadt gewohnt, fiel es Lina manchmal schwer, Anschluss in ihrer neuen Heimat zu finden. Als zwei ihrer besten Freundinnen aus Köln heirateten und Lina sich das Wochenende dafür frei nehmen wollte, waren die Menschen dort zunächst überrascht. „Ach was, zwei Hochzeiten an einem Wochenende?“ - „Nene, die heiraten sich gegenseitig.“ Solch Verwunderung sei man in Köln nicht mehr gewohnt, so Lina.  Oft kamen ihr dann Antworten entgegen wie: Aha, ja im Urlaub, da haben wir ja auch mal ein lesbisches Pärchen kennengelernt, ABER die waren total nett. „Und dieses ABER“, sagte Lina, „hast du immer im Zusammenhang mit einer Geschichte über einen homosexuellen Menschen gehört.“ Das sei in Köln ganz anders. Als ich Lina frage, was sie an Köln so begeistert, nennt sie mir das Lebensgefühl. „Es ist voll die Klischee-Antwort eigentlich, ich glaube, das sagt jeder.“ Die Menschen in Köln sind in Linas Augen offener und toleranter als in vielen anderen deutschen Städten.

Als sie sich entschloss, nach zwei Jahren doch wieder zurück zu ziehen, um nicht nur dem kölschen Lebensgefühl, sondern auch ihrer Familie wieder näher zu sein, haben einige vor allem an die Geschehnisse in der Silvesternacht in Köln zurück erinnert. Doch das schreckte Lina keinesfalls zurück. Köln ist für Lina so sehr Zuhause, dass sie nichts an der Stadt beängstigt. In einer Zeit, in der Terroranschläge immer präsent sind, hat sie entschieden, sich deswegen nicht einschränken zu lassen. „Ich leben mein Leben, so wie ich bin und wie ich es leben möchte – in seiner vollen Konsequenz."

Lina ist wahrlich kölscher Natur. Als ich sie nach ihren größten Stärken frage, sticht besonders ein Charakterzug hervor, den auch ich direkt bei ihr bemerkte: ihre kommunikative Art. Nicht nur privat liebt Lina es, neue Leute kennenzulernen: "Es gibt nichts ehrlicheres, als sich bei einem Kölsch an der Theke kennenzulernen." Ihre Stärke konnte sie außerdem zum Beruf machen, bei dem sie vor allem das Netzwerken liebt. Ihre kommunikative Art und ihre Toleranz schätzt Lina an sich am meisten, denn "es gibt mir einfach unheimlich viel und ich kann auch kommunikativ sein, wenn es mir nicht so gut geht."

„…curvy zu sein, manche sagen auch einfach dick, dafür muss man mehr Raum schaffen.“

Lina definiert sich klar als Feministin. Dabei betont sie, dass es ihr beim Feminismus nicht um die Begünstigung der Frau, sondern um die Gleichstellung der Geschlechter geht. Dafür sei in ihren Augen noch viel zu tun. Besonders heutzutage befürchtet sie, dass einige Frauen ihrer Generation wieder in klassische Rollenbilder verfallen. Eine weitere Herzensangelegenheit für Lina ist das Thema Körperbewusstsein. „Wir leben in einer Welt, immer noch, in der 90/60/90 Klischeemaße ist“, merkt sie dabei an, „curvy zu sein, manche sagen auch einfach dick, dafür muss man mehr Raum schaffen.“ Hier spielt besonders Selbstakzeptanz und viel Selbstliebe eine Rolle für sie. Man müsse lernen, offener mit sich zu sein – das habe sie vor allem in den letzten Jahren gelernt. „Ich sage nicht, dass es gesund ist, wenn man dick ist und ich sage auch nicht, dass jeder dicke Mensch direkt krank ist.“ Lina leidet seit ihrem 12. Lebensjahr an einer Schilddrüsenunterfunktion und geht mittlerweile dreimal die Woche zum Sport, um vor allem ihrer Gesundheit was Gutes zu tun. Besonders darauf will Lina aufmerksam machen: dass vor allem gesund bleiben wichtig ist, denn ungesund könne man auch mit Größe 36 sein. „Body Positivity und jeder ist schön finde ich gut, aber ich glaube nicht, dass enorme Fettleibigkeit gehyped werden darf.“ In Linas Augen muss es einen Mittelweg geben. Ein Vorbild für sie ist Ashley Graham, ein US-amerikanisches Plus-Size-Model, die auf den sozialen Medien eine gesunde Lebensweise promotet und zeigt, wie regelmäßig auch sie Sport macht. Linas Message? „Dass gesund leben nicht heißt, das man schlank ist.“ Bei der Frage, was für Lina Frau sein bedeutet, gerät sie erst mal ins Grübeln. Sie entscheidet für sich, dass „jeder Mensch, jede Frau das sehr stark für sich selbst definieren muss.“ Für sie hat das viel mit Selbstakzeptanz, aber auch Selbsterkenntnis zu tun. Es bedeutet für sie, sich selbst zu lieben, mit allen Höhen und Tiefen, die ein weiblicher Körper mit sich bringt. Es sei wichtig, sich selbst kennenzulernen, was ein stetiger Prozess ist. Weiblichkeit ist für Lina keine Äußerlichkeit, sondern ein Gefühl.

 

Als ich sie abschließend frage, was sie sich für die Gesellschaft wünscht, sagt Lina, dass „alle ein Stück glücklicher werden, ein bisschen kölscher – vielleicht müssen die Menschen auch einfach mehr Sex haben.“

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