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Ja, #metoo

 

Dieser Text fällt mir gewiss nicht leicht. In keinem habe ich mich bisher so nackt gefühlt. Ich habe die #metoo Bewegung aufmerksam verfolgt, mit all den Frauen mitgefühlt und die Faust in die Luft gehoben. Ich bin stolz auf jede einzelne Frau, die den Mut hatte zu sprechen. Ich hatte ihn nicht - bis jetzt. Ich dachte, was bringt es schon, wenn ich nur eine weitere von Millionen Geschichten erzähle? Aber es bringt was. Es ist eine weitere Geschichte, die erzählt wird. Eine Kampfansage mehr. So wie ich mir wünsche, dass uns jede andere Frau ihre Geschichte erzählt, so soll auch ich eine dieser Frauen sein. Und es ist nie zu spät, seine Geschichte zu erzählen. Denn so wie ich, wird es Millionen Frauen da draußen geben, die ihre Geschichte nicht erzählen. Aufgrund von mangelnder Hoffnung, aus Scham, warum auch immer. Ich erwarte von keiner Frau, dass sie ihre Geschichte teilt, denn es ist was absolut persönliches. Doch mit jeder geteilten Geschichte kann anderen Frauen geholfen werden.

 

Als die #metoo Bewegung los getreten war, dachte ich - wie viele andere Frauen bestimmt auch - mir sei eigentlich nie was besonders schlimmes passiert. Sowas wie sexuelle Belästigung hätte ich nie erlebt. Wie die Tage und Wochen vergingen, wurde mir immer bewusster, welche Lüge ich mir selber erzähle. Auch ich habe Kussversuchen ausweichen müssen, Catcalling erlebt, unangenehme Bemerkungen, die man abtut, hin nimmt und mit dem Leben weiter macht, während niemand diesem Mann die Stirn bietet. Während niemand was dagegen tut. Doch erzählen will ich nur von einer Erinnerung. Denn weitere Wochen vergingen und ich kam nicht umher in den Tiefen meines Gedächtnisses die unangenehmsten Erinnerungen heraus zu kramen. Wie ein Video Tape spielen sich die Szenen wieder in meinem Kopf ab.

Das erste und das prägendste Mal, dass ich sexuelle Belästigung (ich möchte vorab nehmen, dass es sich um keine Vergewaltigung handelt, da es sich im ersten Moment so anhören wird) erlebt habe, war ich 13 Jahre alt. 13 Jahre. Ich habe bis heute niemandem von diesem Erlebnis erzählt außer meiner damaligen besten Freundin. Es wird bald 10 Jahre her sein und es wird Zeit, darüber zu reden. 

Ich war auf Klassenfahrt in der 8. Klasse. Monate zuvor hatte ich diesem einen Jungen aus meiner Klasse meinen ersten Kuss geschenkt, doch unsere Geschichte hatte schnell ein Ende gefunden. Doch er schien das anders zu sehen. Lange habe ich mir für das was er tat selbst die Mitschuld gegeben. Ich hätte ihm deutlicher Nein sagen sollen, meine nonverbale Kommunikation schien nicht anzukommen. Ich war in meinem Zimmer. Meine beste Freundin und Zimmermitbewohnerin war gerade weg und er war da und es war ok. Denn ich wollte mich gerne mit ihm unterhalten. Doch er wollte flirten, wie man es als 13 Jähriger versucht. Es schien ok für mich. Ich dachte ich würde ihm schon klar machen, dass ich daran kein Interesse habe. Alles woran ich mich danach erinnere, ist wie er mir plötzlich zu nahe kam, mich wahrhaftig in die Ecke drängt, meine Komfortzone ganz offensichtlich überschritten. Ich erinnere mich, wie ich versuche mich zu befreien, ihm klar zu machen, dass er mich in Ruhe lassen soll, was er schlussendlich auch tat.

Er war 14? Er konnte vielleicht noch nicht wissen, wo die Grenzen liegen? Das ist keine Entschuldigung. Es sollte jedem Menschen auf diesem Planeten klar sein sowie beigebracht werden, dass sowas nicht ok ist. Ein Nein ist ein Nein. Sowie ein Ja ein Ja ist. Du solltest IMMER fragen, was ok ist.

Auf der Rückfahrt – es war ein Sonntag, wir saßen alle im Bus – saß ich alleine hinten, es war bereits dunkel draußen und auch im Bus war das Licht gedimmt. Alle waren entweder am Schlafen oder mit sich selbst beschäftigt. Ich hatte meine Kopfhörer an als sich der Junge neben mich auf den freien Platz setzte. Ich, die offensichtlich gerade die Ruhe suchte, habe es einfach über mich ergehen lassen. Doch was dann folgen sollte, verstört mich bis heute noch. Er, 14 Jahre, nahm meine Hand, 13 Jahre, und legte sie auf seinen Schritt. Was ich in dem Alter noch nicht ganz verstanden hatte, war seine Erektion. Ich spürte jedenfalls seinen Penis unter meiner Hand und war kurz erstarrt, irritiert davon, was hier gerade passiert. Dann zog ich meine Hand ruckartig weg. War das missverständlich? Er jedenfalls griff erneut meine Hand und legte sie erneut auf seinen Schritt, ich zog sie wieder weg. Erinnerung wie die Situation sich schlussendlich doch auflöste habe ich nicht mehr. Alles woran ich mich erinnere, ist das unglaubliche Schamgefühl danach. Was war da gerade geschehen? Es hatte mich die ganze Nacht zu Hause noch wach gehalten, ich hatte meiner besten Freundin geschrieben, dass ich sie vor der Schule dringend sprechen müsste. An der Schule angekommen, sah ich ihr Gesicht und brach unmittelbar in Tränen aus. Ich versuchte ihr zu erzählen, was den Abend zuvor im Bus passiert war und spürte so eine Scham, dass ich mir nicht vorstellen konnte, es noch einmal über die Lippen zu bringen.

Ich war 13 Jahre alt, hatte noch keine Vorstellung davon, was sexuelle Belästigung wirklich heißt und hatte es dennoch erleben müssen. Man empfindet Scham, ein Gefühl, man hätte selbst Mitschuld, dass es so weit gekommen ist. Man wundert sich immer, wie Frauen sich tatsächlich dafür schämen können von sexueller Belästigung zu berichten. Doch jemandem so etwas intimes, und verstörendes für einen selbst, zu erzählen ist nicht einfach. Man fühlt sich eklig, beschmutzt. Man hat für einen kurzen Moment die Kontrolle über sich selbst verloren. Jemand anderes hat dir für einen kurzen Moment deine Würde genommen. Ich denke hin und wieder an diesen Moment zurück, aber er ist kein Teil mehr von mir. Ich lasse ihn kein Teil mehr von mir sein. Keine der Belästigungen, die ich erfahren habe, ist ein Teil von mir.

Es ist unfassbar, dass solche Dinge passieren. Dass es Menschen gibt, die keine Achtung vor der Würde des Menschen haben. Dass es Menschen gibt, die keine Grenzen kennen, Grenzen ignorieren, die das Konzept von Grenzen nicht verstehen. Dieser Junge hat vielleicht niemals beigebracht bekommen, wie man mit Mitmenschen umzugehen hat. Was Respekt und Achtung bedeutet. Er hat den Umgang mit Mädchen nicht beigebracht bekommen. Ein Nein zu akzeptieren, ob verbal oder nonverbal. Zu fragen, was ok ist.

Du hast das Recht, jederzeit Nein zu sagen. Das gilt für jeden einzelnen Menschen. Du kannst inmitten eines Flirts Nein sagen. Du kannst während eines Kusses Nein sagen. Du kannst während des Sex Nein sagen. Du bestimmst selber, wo deine Grenzen liegen. Und wenn du dich nicht (mehr) wohl fühlst, sollst du aufhören und du darfst dir von niemandem da rein reden lassen. Es ist dein Körper und nur du entscheidest über ihn. Du darfst dir niemals einreden, du hättest Mitschuld an der Situation, wenn dich jemand sexuell belästigt. Ich will, dass du weißt, du bist nicht alleine damit und was auch immer dir passiert ist, es bestimmt nicht über dich. Es definiert dich nicht und muss kein Teil von dir sein. Du wirst gesehen und gehört.

Diese Bewegung darf nicht von der Bildfläche verschwinden. Nicht so lange es keine sexuellen Übergriffe mehr gibt, Frauen keine Angst mehr haben müssen nachts rauszugehen, man anziehen kann, was man will, ohne dafür bewertet zu werden oder gar unangemessene Kommentare oder Berührungen akzeptieren zu müssen. Meine Geschichte ist noch harmlos, verglichen mit anderen, jedoch nicht weniger wichtig. Wir dürfen nicht aufhören, darüber zu reden, bis der Schrecken aus Missbrauch, Vergewaltigung und Belästigung aufhört. 

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