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Ich bin überfordert

 

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich will die Welt retten und weiß gar nicht wie. Man will, dass ich mich politisch engagiere. Ich soll mich für Flüchtlinge einsetzen, ich soll für die Gleichstellung der Frau kämpfen, für soziale Gleichberechtigung, Barrierefreiheit, gegen Krieg und für die Anerkennung psychischer Krankheiten. Ich soll Armut bekämpfen. Immer links und rechts schauen und wissen, was in der Welt gerade passiert. Und wo wir bei rechts sind: ich soll der rechten Szene die Stirn bieten. Ich soll eine Lösung für den Klimawandel finden. Ich soll es möglich machen, dass alle Menschen auf der Welt Zugang zu sauberem Wasser haben und Sanitäranlagen. Dass jeder genug zu Essen hat und ein Dach über dem Kopf. Ich soll die Meere vom Plastik befreien. Ich soll jeden Tag mindestens einmal sagen, wie katastrophal ich Trump finde und seine Politik. Ich soll mehr Bäume pflanzen und die Abholzung verhindern. Ich soll kein Palmöl kaufen, aber eigentlich doch.

 

Ich interessiere mich nicht für Politik. Das ist jetzt etwas hart formuliert. Ich interessiere mich nicht dafür, wie sie genau funktioniert. Es tut mir leid. Ich weiß, es ist meine Pflicht mich dafür zu interessieren. Einfach, weil ich atme. Dass ich mich schämen muss, weil ich mich nicht aktiv auf die Straße stelle und für meine Rechte und insbesondere auch die Rechte andere kämpfe, trägt mir unsäglich zu. Aber es ist ja gar nicht wahr, dass ich leise bin. Ich habe eine Meinung und ich sage sie auch. Nur warum muss ich damit auf die Straße rennen wollen? Ich habe keine Lust mehr darauf, den mahnenden Zeigefinger zu sehen, weil ich mich beispielsweise in der Uni nicht aktiv für eine bessere Hochschulpolitik einsetze. Ich sehe die Probleme dort und auch in der Welt und ich versuche durchaus meinen Teil dazu beizutragen. Privat. Ich zerbreche mir den Kopf, wie ich nachhaltig konsumieren und leben kann. Ich führe meinen ganz eigenen Krieg zum Thema Gleichstellung der Frau und geschlechtliche Stereotypen. Ich arbeite jede Woche an meinem Beitrag zur Inklusion durch mein Ehrenamt. Das ist meine Art politisch zu handeln. Meist eher passiv und weniger draufgängerisch. Dafür habe ich nicht die Kapazitäten. Ich kann nicht die ganze Zeit sauer sein und die Wut in mir sprechen lassen, denn genau das passiert, wenn ich an all die Probleme denke, die es zu lösen gilt. Ich ertrinke in der Vielzahl an Problemen, die es gibt. Und mir fällt es schwer, mich sorglos einer Auswahl an Themen zu widmen, ohne mich schlecht zu fühlen, dass dabei andere vom Tisch fallen. Ich weiß, keiner verlangt, dass ich mich all diesen Dingen zuwende, denn wirklich keiner kann sich für alles engagieren. Ich bin dankbar für all die Menschen, die sich für eine sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltigere Welt einsetzen und das Sprachrohr dieser Politik sind. Ich werde derweil weiterhin meinen Beitrag leisten, so gut ich eben kann. Passiv.

 

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