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Haare - Und was sie nicht über eine Person verraten

 

Auch wenn ich diese Tage habe, an denen ich gerne meine langen Haare zurück haben möchte, bin ich immer wieder gerührt, wenn Menschen mir sagen, wie gut mir meine neue Frisur steht und dann verschwindet der Wunsch nach langen Haaren auch direkt wieder. Ja, das hier ist eine Hommage auf meine Haare, doch will ich es nicht dabei belassen.

 

Manch einer wird wissen, dass ich mir die Haare 2016 schon mal kurz geschnitten habe. Ich habe das ein ganzes halbes Jahr ausgehalten, bis ich sie wieder lang wachsen lassen wollte. Gründe gab es für mich viele. Was mich besonders irritierte, waren die Annahmen, dass ich lesbisch wäre. Weil ich kurze Haare habe… Ihr wisst, worauf das hier hinaus läuft. Heute schätze ich diese Annahme, denn sie verdeutlicht mir jetzt, dass ich tolerant bin und eine Offenheit ausstrahle, die suggeriert, dass ich keine Angst vor dem Anders sein habe. Doch will ich nicht in einer Welt leben, in der bestimmte Frisuren typisiert werden. Dass Menschen mich aufgrund meiner Art für tolerant und offen halten finde ich großartig, doch von meiner Frisur auf meine Sexualität zu schließen gehört wirklich zu den seltsamsten Ereignissen der letzten Jahre, die mich nachhaltig beschäftigt haben und es noch immer tun.

 

Ich weiß, dass ich momentan in einer sehr toleranten Blase, meiner Universität, lebe, wo ich mit meiner Frisur nun auf viel positive Resonanz stoße, ohne gleich in eine Schublade gesteckt zu werden. Hier werden Individualität und Gemeinschaft eins. Während jede/r ihrer/seiner Person Ausdruck verleihen kann, schaffen wir gleichzeitig eine Gemeinschaft von Akzeptanz, Toleranz und Offenheit, wie ich sie außerhalb der Universität noch nicht so erleben durfte. Das würde ich gerne auf die Gesellschaft übertragen können, doch weiß ich, dass dies leider noch Zeit braucht. Ich möchte, dass jede/r die Frisur tragen kann, die sie/er mag – lang, kurz, ohne. Ich möchte, dass jedes Geschlecht sowohl maskuline als auch feminine Charakterzüge haben kann, ohne dafür verurteilt zu werden. Denn wirklich niemand hat rein feminine oder rein maskuline Charakterzüge. Ich verstehe, dass Sexualität ab einem bestimmten Punkt immer ein Thema sein wird, da man natürlich gerne wissen möchte, ob sein Gegenüber potentiell Interesse an einem haben könnte. Aber solange man selbst kein Interesse sexueller oder romantischer Art für sein Gegenüber hat, sollte es zunächst egal sein, was dieser Mensch bevorzugt.

 

Ich bin froh, dass ich mich wieder für die Kurzhaarfrisur entschieden habe, denn es zeigt mir nicht nur, dass ich gelernt habe, noch selbstbewusster mit meinem Körper zu sein und mich von Unsicherheiten von außen nicht mehr beeinflussen zu lassen. Es zeigt mir zudem wieder deutlich, wie abhängig Selbst- und Fremdwahrnehmung vom Umfeld und der eigenen Sozialisierung sind, wie unterschiedlich die Wahrheit jedes Einzelnen ist.

 

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