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Überschattenspringerin & Komfortzonenbekämpferin

Ich liebe Menschen, aber ich habe Angst vor ihnen. Ist das nachvollziehbar? Mein großer Moment stand bevor, ein Meilenstein. Es waren nur wenige Minuten. Kein wissenschaftlicher Vortrag, ich sollte nur meine Erfahrungen teilen, unser Team vorstellen. Aber es saßen rund tausend Menschen vor mir und das ist wirklich eine Menge.

 

Ich bin weder introvertiert, noch extrovertiert. Oder vielleicht bin ich beides. Es kommt wie immer im Leben auf die Situation an. Manchmal bekomme ich schon Angst, wenn ich vor zwanzig Menschen stehe. Kenne ich sie jedoch gut, verfliegt diese Angst. Es ist kein fehlendes Selbstvertrauen, es ist aber sehr wohl die Reaktion. Die Reaktion des Publikums, das ich nicht vorhersehen kann. Ich habe nur die Kontrolle über mich, aber nicht die Kontrolle über die Reaktion. Ich wollte diese Möglichkeit trotzdem nutzen, die Herausforderung annehmen. Als ich überlegte, ob es nicht besser jemand anderes machen sollte, spürte ich diesen Widerstand in mir. Ich wollte und konnte diese Aufgabe nicht abgeben. Ich wusste, was ich sagen würde, ich wusste, wie ich es sagen würde. Das Einzige, das mich hindern sollte, war die Angst, es tatsächlich zu tun. Und diese Furcht konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Für mich war es damit entschieden.

 

Ich hatte wenige Tage, um meine Ansprache vorzubereiten. Habe alles aufgeschrieben, alles auswendig gelernt und war in der Lage, den Text spontan zu variieren, ohne den Inhalt zu vergessen. Gute Voraussetzungen. So gut war ich auf kaum ein Referat vorbereitet. Die richtige Aufregung kam jedoch erst am Tag der Rede. Besonders die letzten paar Minuten vor der Veranstaltung waren schwer. Wie immer viel zu früh, saß ich vor dem Raum und beobachtete die Menschen, die hinein gingen. Sich mit dem Publikum vertraut machen war mein Ziel. Als ich den Hörsaal betrat, hatten bereits jede Menge Menschen Platz genommen. Erst als nach und nach vertraute Gesichter aus meinem Team ankamen, fühlte ich eine Art Sicherheit, die meine Aufregung jedoch keineswegs minderte. Aber zu sehen, wie sie meine Angst annahmen, mich versuchten zu beruhigen und in diesem Moment einfach da waren und mir damit Unterstützung baten, war ein ganz besonderes Gefühl. Kaum zwei Monate lang hatten wir uns höchstens einmal in der Woche gesehen und doch waren sie da, standen mir bei und gaben mir Rückendeckung während der Rede. Diese war nicht mehr vermeidbar. In wenigen Minuten sollte es losgehen, während ich in meinem Sitz tief ein- und ausatmete und meine Sitznachbarn mit weiter gut zuredeten. Als es losging, standen wir alle auf, ich mit meinem Mikro in der Hand und mittlerweile kaum noch anwesend. Das Team stand hinter mir und ich hörte mich die Ansprache halten, wie ich sie geplant hatte. Gottseidank hatte ich sie auswendig gelernt, denn ich konzentrierte mich nur auf meine Aufregung, darauf zu einzudämmen. Ich konzentrierte mich darauf, das Publikum anzugucken, beobachtete das stetige Lächeln meines Dozenten. Weil ich für einen sicheren Stand eher breitbeinig dastand, konzentrierte ich mich darauf lieber ein paar Schritte zu gehen, Bewegung ins Spiel zu bringen. Und kaum einen Augenaufschlag später war die Rede vorbei und ich völlig weggetreten. Ob das Publikum klatschte, weiß ich nicht. Wir verließen die Bühne und ich spürte nur die Erleichterung, das anhaltende Kribbeln im Körper, das immer noch pochende Herz.

 

Zusammen verließen wir den Hörsaal und alle merkten meine anhaltende Aufregung. Doch ich sah nur strahlende Gesichter. Aufrichtige Umarmungen und High Fives folgten mit Glückwünschen und Anerkennung. Mir wäre die Rede sehr gut gelungen und ich hätte das sehr gut gemeistert. Noch immer benommen, was für den Rest des Tages auch so bleiben sollte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Was für ein Glück ich hatte, so ein wunderbares Team bei meiner ersten großen Rede hinter mir zu wissen.

 

Ich bin stolz auf mich. Stolz, diese Herausforderung angenommen zu haben und es auch durchgezogen zu haben. Ich bin stolz, so ein Team zu haben. Denn egal wie groß mein Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein sind, in diesem Moment habe ich mich verletzlich gemacht, den Raum meines Selbstbewusstseins überschritten und das ist eine meiner größten Ängste. Den Rückhalt der Gruppe zu spüren war das Offenlegen meiner Aufregung jedoch wert und mit diesem Team würde ich es jederzeit wieder wagen. 

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