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Wenn das Glücksgefühl auf Überforderung trifft.

Ich habe eine ganz besonders prekäre Angewohnheit. Wenn ich mal nicht weiß, was ich mit mir anfangen soll, verschlägt es mich immer in die Stadt. „Einfach mal rausgehen. Das ist bestimmt eine gute Idee. Mal ein bisschen ins Gewusel. Schadet dir sicher nicht.“ Pustekuchen.

 

Ich habe mittlerweile so einige Bücher über Hochsensibilität gelesen, so einige Dokumentationen mitgenommen und auch fleißig den Worten von Dr. Elaine N. Aron gelauscht, durch die das Thema Hochsensibilität an Bedeutung gewann und das Ohr der Öffentlichkeit sich spitzte. Tatsächlich fehlte diesen sogenannten hochsensiblen Menschen bis dato ein Begriff, um sich und ihre Gefühlswelt und Wahrnehmung irgendwie einordnen und benennen zu können. Trotz all dieser Recherche fällt es mir schwer, mich endgültig diesem Begriff unterzuordnen. Ich finde mich sehr wohl in vielen Facetten der Hochsensibilität wieder, selten treffen alle Punkte auf einen zu, jedoch bin ich noch nicht bereit, meine Gefühlswelt und Wahrnehmung mit einer möglichen Hochsensibilität zu begründen. Noch immer kämpfe ich dagegen an, dass ich so bin wie ich bin – so sehr mich das auch selber bedrückt.

 

Ich begebe mich also Richtung Stadt. Ein Mensch nach dem anderen, der mir entgegen kommt, meinen Weg kreuzt, sich an mir vorbei schlängelt. Menschen, die langsam vor mir her schlendern, bis ich ihnen fast in die Ferse trete. Eine Gruppe von Menschen, die mir wiederum im Rücken hängt und deren Worte ich genau lausche. Menschen, die laut lachen. Menschen, die laut streiten. Jeder sieht anders aus. Jeder hat seinen eigenen Stil. Hin und wieder eine Gruppe von Menschen, die wiederum zum Verwechseln ähnlich gekleidet sind. Es gibt an jeder Ecke, in jedem Café, in jedem Geschäft etwas anderes zu beobachten. Menschen, die in ihre Smartphones vertieft sind. Menschen, die dich klammheimlich beobachten wollen. Menschen, die dich ganz offenkundig und interessiert anschauen und dir zulächeln. Hin und wieder flüchtige Blicke beim Vorbeigehen. All das nimmt meine Sinne so in Anspruch, dass ich völlig erschöpft nach Hause komme. Ich liebe es, Menschen zuzusehen. Ich fühle mich ihnen unmittelbar nah. Ich verspüre eine ganz starke Verbundenheit, nur vom Beobachten. All diese Menschen zu sehen löst in mir unerklärliche und überwältigende Emotionen aus. Über sowas könnte ich niemals laut reden, weil es sich viel zu esoterisch anhört und sofort an Lächerlichkeit gewinnt. So ist es aber nun mal.

 

Der Ausflug in die Stadt belastet mich demnach sehr. Ich nehme die ganze Energie auf und mit, nehme jede Person wahr, die mir entgegen kommt. Gleichzeitig schenkt der Ausflug mir das Gefühl von Verbundenheit. Trotz dieser Erschöpfung ist es wichtig zu wissen, wie der Mensch sich in der Stadt bewegt. Die Vielfalt zu spüren sowie diese Lebendigkeit. Diese Energie muss man erleben, um sich in der Stadtentwicklung einbringen zu können. Deshalb werde ich mich sicherlich auch in Zukunft der Reizüberflutung aussetzen. Denn eine Stadtentwicklerin ohne ein Gefühl für das Stadtleben klingt nicht sehr erfolgsversprechend.

 

Leider habe ich bis heute diese Umstände nicht akzeptieren können. Ich wünschte, dass mich der Aufenthalt unter vielen Menschen nicht so viel Energie kosten würde. Dass ich genauso heiter aus der Stadt käme, wie ich angekommen bin. Besonders deshalb tun Spaziergänge durch die Natur sehr gut. Hier gewinne ich all die Energie, kann wieder auftanken und die Ruhe genießen.

 

Auch aus diesen Gründen schätze ich auch meine neue Heimat in Lüneburg.  Selbst hier ist ein Ausflug in die Stadt noch oft eine Reizüberflutung, aber es verhält sich ganz anders als im Großstadtdschungel von Köln. Wir reden hier von einer ganz anderen Dimension. Die Lüneburger Innenstadt ist überschaubar und dementsprechend auch die Besucherzahl. Selbst an Samstagen kann man noch ohne Probleme geradeaus laufen, ohne immer wieder ausweichen zu müssen. Da bekomme ich schon fast ein bisschen Heimweh. 

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