· 

Ich selbst sein.

Ich hatte sehr lange Angst, in Gegenwart anderer nicht ich selbst sein zu können. Man spürt so schnell das Verlangen, akzeptiert zu werden. Entweder man stimmt seinem Gegenüber blind zu, weil die Gegenstimme zu viel Unruhe stiftet, oder man bleibt gleich bis auf weiteres still, weil man weder blind zustimmen möchte noch Staub aufwirbeln will.

 

Ich habe viel Zeit mit Menschen verbringen müssen, die mit meiner Art überfordert waren. Ich war ihnen entweder zu laut, zu aufgedreht, oder doch zu still, zu zurückhaltend. Mir sagte manch einer schlechte Manieren und fehlende Sozialkompetenz nach. Andere nannten mich Mutter Theresa und waren der Meinung, dass ich immer alles richtig machen wolle, was auch immer das bedeutet. Was mir einfiele, kein schlechtes Wort über andere Menschen zu verlieren. Man ist verwirrt, weil ich gerne Zeit alleine verbringe. Weil ich nicht nach einer überstandenen Klausur mit anderen trinken gehe.

 

So sehr ich mich auch selbst schätze und gelernt habe, dass ich gut bin, so wie ich bin, der Mensch unterschätzt schon immer die Macht des Wortes und wie sensibel manche diese aufnehmen. Die viele Zeit, die ich alleine verbracht habe, hat mir geholfen, mich selbst besser kennen zu lernen und zu verstehen wieso ich so bin wie ich bin und was ich eigentlich im Leben und in anderen Menschen suche. Das alles hat mich schlussendlich erst mal dorthin geführt, wo ich jetzt bin. Auch heute verstehe ich mich jeden Tag ein bisschen besser und bin wirklich zu meiner eigenen besten Freundin geworden. Ich habe mich in meinem ganzen Leben nie so gut verstanden, wie es heute der Fall ist. Lange war ich nur ein Knäuel aus unerklärlichen Gefühlen – Frustration, Machtlosigkeit, kurzen Glücksmomenten, plötzlicher Trauer.

 

Doch besonders in diesen Tagen – jetzt, wo ich in mich hinein horchen kann und meine Wünsche für mich selbst klar artikulieren kann – fühle ich mich besser denn je. Ich weiß, was ich möchte, ich weiß, was ich brauche und weiß, was mich glücklich macht. Ich habe mein Gedankenchaos im Kopf besser im Griff und weiß auch, wie ich mit meinen Impulsen besser umgehen kann. Ich habe verstanden, dass ich es nicht jedem Menschen recht machen muss und kann sowie ich erfahren habe, dass es Menschen da draußen gibt, die mich verstehen, die mich für das lieben, was ich bin. Die mich nicht ändern wollen, sondern sogar wertschätzen.

 

Das Alles hätte ich jedoch nicht finden können, wenn ich nicht zuerst bei mir selbst angefangen hätte. Meine eigene Unsicherheit und die Tatsache, dass ich mich selbst nicht verstanden habe, standen mir in allem, was ich tat, im Weg. In jeder Beziehung zu meinen Mitmenschen und in meinen Plänen. Wenn du selbst nicht weiß, wer du bist und wer du sein möchtest, kannst du dich auch deinen Mitmenschen gegenüber nicht klar formulieren und auch nicht wissen, was du wirklich brauchst. Und wenn du das Gefühl hast, ganz anders zu sein als die Anderen, dann irrst du dich. Manchmal trifft man erst sehr spät die richtigen Menschen, die einen verstehen und unterstützen. Und manchmal vergisst man, dass auch manch anderer noch nicht verstanden hat, wer er ist und nicht weiß, wie er mit dir umgehen soll.

 

Ich möchte jeden einladen, anders zu sein und sich vielleicht manchmal auch anders zu fühlen. Ich möchte jeden einladen, sich selbst wert zuschätzen und zu sehen, wie großartig er ist – mit all seinen Talenten und all seinen Macken. Wir sind alle ein bisschen verrückt und chaotisch im Kopf und das ist wundervoll.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0